Mein wahres Erbe

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Werte

Ich habe seit dieser Woche einen Beratungsauftrag. Da geht es um den Nachfolger für ein Familienunternehmen. Mittelständisch. Ein solides, werthaltiges Unternehmen. Lange Tradition, über drei Generationen, in einer Kleinstadt. Die Kinder wollen nicht übernehmen. Und nun wird ein Manager gesucht, der die Werte respektiert und der im Sinne der Familie handeln wird. Eine schwierige Aufgabe für einen Manager. Denn der Gestaltungsrahmen ist eingeschränkt. Er soll für etwas Hundert Prozent geben, was niemals sein Unternehmen sein wird. Ob es seine Werte sind, das ist dann auch fraglich.

Die Kinder können sich auf ein Millionen Erbe freuen. Dafür soll ich sorgen. Sie sind in den Zwanzigern und noch in der Ausbildung. Zwei Jungen und ein Mädchen. Das Mädchen, so der Vater, ist eigentlich die Geeignetste von allen dreien. Sie ist dem Vater am nächsten und am ähnlichsten. Der Vater hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie es sich doch anders überlegt. Aber er ist auch in seinem Wertesystem verhaftet, einem konventionellen, traditionellen. Er sagt, sie wird bald heiraten und Kinder bekommen. Und dann steht die Familie an erster Stelle. Ihr Mann wird es nicht mögen, im Schatten einer Unternehmerin zu stehen. Damit kommt kein Mann klar. So sagt er! Er will nur das Beste für seine Tochter. Er ist überzeugt, dass so etwas nicht gut gehen kann. So sehr er sich wünscht, dass das Unternehmen in der Familie bleibt, so enttäuschter ist er, dass die Söhne nicht geeignet sind und nicht wollen. Seiner Tochter gibt er eine schwere Bürde mit: Seinen Wertekanon, nachdem sie keinen Kompromiss wählen kann, um beides zu leben.

Eigentlich geht es darum, dass sie alleine bleiben muss, auf Familie verzichten muss, wenn sie die Nachfolge antreten will. Ich kenne die Tochter noch nicht. Ich kann nicht einschätzen, ob sie sich zur Wehr setzen kann. Ob sie aus diesem Gerüst, diesen Denk- und Handlungsmustern ausbrechen kann, um ihren Weg zu finden. In einem Pilcher-Film würde der Manager, den ich für die Familie finden soll, der Mann ihres Lebens sein. Der auf wundersame Weise all die Werte in sich trägt, die Tochter auf Händen trägt und mit ihr das Leben in der Kleinstadt bis auf das Idyllischste bis ans Ende ihrer Tage erträgt.

Und dann kam mir der Gedanke, dass es ein monetäres Erbe gibt, aber auch ein anderes. Eines, das schwerer wiegen kann als Geld und Edelsteine und andere materielle Güter: Die Muster und Prägungen in uns, die wir von unserem Umfeld übernehmen, quasi kopieren. Und die wie kleine Computerprogramme in uns arbeiten und unser Verhalten bestimmen. Wir denken, wir handeln, weil wir es so wollen. Aber eigentlich bestimmen diese Befehle unser Verhalten, unsere Entscheidungen.

Wenn ich mein Leben ansehe, dann hat mein Vater mir auch solche Befehle mitgegeben, die sich aus seinen Werten, seinen Vorstellungen, seinem Verhalten generierten. Sei niemals abhängig von einem Mann! Das ist so ein Befehl. Weil er meine Mutter verlassen hat. Und natürlich mich. Oder der Wille zur Leistung, der kommt auch von ihm. Die Messbarkeit der Leistung und der Wunsch nach Anerkennung. Wenn ich diszipliniert war, dann hat er mir das Gefühl gegeben, dass ich seiner Liebe Wert bin. Klar ist das Erziehung. So funktionierte der Sozialisierungsprozess: Nur diese Bedingung, dass ich etwas bringen muss, damit er mich liebt, und nicht einfach nur so, wie ich bin, auch wenn ich faul bin oder nur lustig oder nur nett.

Wenn ich an diese Tochter denke, dann frage ich mich, ob ihr das bewusst ist, dass sie eigentlich keine Wahl hat, wenn sie nicht ewig gegen ihr Umfeld ankämpfen will. Heiratet sie, dann wird ihr Mann stark sein müssen, um sich zur Wehr setzen zu können. Tut sie es nicht, dann folgt sie auch einem Klischee. Wäre sie ein Sohn, dann wäre alles viel einfacher: Der Vater wie der Sohn, alles klar!

So häufig finden die schlimmsten Auseinandersetzungen statt, wenn es um das Erbe geht. Rechtsanwälte, Mediatoren verdienen viel Geld damit. So wie ich in diesem Fall auch. Ein Langzeitprojekt. Weil die immateriellen Werte des Projekts auch die materiellen Werte des Unternehmens sind. Wenn den Leuten klar wäre, was da einhergeht an Pfründen, die man auch bekommt, ob mancher Erbe nicht die Füße in die Hand nehmen würde, um das Weite zu suchen?

Das Versprechen des Wohlstands, der Existenzsicherung, ist so groß, dass die Menschen den Preis dafür anscheinend gerne übersehen: ihr Freiheit! Die Freiheit zu entscheiden, sein Leben zu gestalten. Und ich frage mich: Hatte ich sie? Was wäre aus mir geworden, wenn ich andere Programme in mir tragen würde? Wenn ich mir früher darüber Gedanken gemacht hätte? Wäre ich Mutter von fünf Kindern? Oder hätte ich meinen geheimen Traum gelebt, in Südamerika eine Ranch zu haben mit Pferden und Rindern?

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