Jo von Beust

Die Archetypen:
Wie das „kollektive Unbewusste“ unser Leben beherrscht

Scheitern

Das kollektive Unterbewusstsein muss so etwas wie ein Raum sein, in den die ersten Spuren menschlichen Lebens aus den Tiefen der Prozesse einfließen und energetische Gestalt annehmen. Nicht persönliches System, sondern weltweite Objektivität, also das Selbst der Welt.

Archetypen: Weltweite Objektivität, die alles umfasst.

Die Archetypen:
Wie das „kollektive Unbewusste“ unser Leben beherrscht

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Scheitern

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„Wir machen Ihre Marke und Ihren Point of Sale zum Motiv-Helden! Archetypen sind Ausdruck der grundlegendsten menschlichen Motive. Wir richten Ihre Marke und Ihren Point of Sale entlang der archetypischen Regeln und mit Hilfe von Neuromarketing aus.“

An diesem Verkaufsförderungskonzept einer Werbeagentur ist bereits erkennbar, dass die Archetypen und das kollektive Unbewusste längst die Domäne der Psychologie und Philosophie verlassen haben und in der populären Medienkultur ebenso wie in der Marketingwelt einen festen Platz eingenommen haben.

Geschichtenerzähler, Romanautoren und Comic-Zeichner wie die Drehbuchschreiber der Traumfabrik von Hollywood oder die Storyboard-Designer der Werbeagenturen wissen um die Kraft der Archetypen. In Schweizer Social Media Blogs finden sich regelmäßig Archetypen-Analysen, um die „Persönlichkeit“ von Marken zu identifizieren.

Erfolgreiche Führungsgestalten in Wirtschaft, Kunst, Gesellschaft und Politik schöpfen aus verschiedenen Archetypen die charismatische Ausstrahlung, die ihre Karrieren kennzeichnet. Wobei die geradezu magische Anziehungskraft, die sie auf ihre Anhänger ausüben, oftmals rätselhaft ist und dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen scheint. Einige Politiker scheinen unbekümmert von einem Fettnapf in den anderen springen zu können, ohne dass ihre Gefolgschaft Anstoß daran nähme. Das Publikum ruft „oh“ und „ah“, ist aber fasziniert von den Volten der Protagonisten. Womöglich symbolisieren auch sie einen Archetypus, der ihnen über ihre scheinbar lächerliche Selbstverliebtheit und Widersprüchlichkeit hinaus eine unerklärlich gesteigerte, numinose Attraktivität und Durchsetzungskraft verleiht.

Grund genug, der Sache einmal buchstäblich auf den Grund zu gehen. Das Begriffspaar kollektives Unbewusstes und Archetyp geht auf den Schweizer Forscher und Psychologen Carl Gustav Jung zurück, in dessen Analytischer Psychologie es eine sehr wichtige Rolle spielt. C.G. Jung, wie er gerne genannt wird, war anfänglich ein Förderer von Freud und dessen Konzept der Psychoanalyse gewesen – Freud sah in dem zwanzig Jahre jüngeren Jung zeitweise seinen designierten Nachfolger –, überwarf sich jedoch mit diesem wegen der Freud’schen Fixierung auf das Sexualleben als der alleinigen Determinante aller psychischen Vorgänge.

Jung hatte sich bereits Jahrzehnte mit fremden Kulturen, Hochkulturen wie sogenannten primitiven Kulturen, okkulten Phänomenen, Anthropologie und Völkerpsychologie befasst, bevor er seine Theorie der „Archetypen des kollektiven Unbewussten“ 1934 auf der Eranos-Tagung im schweizerischen Ascona erstmals der Öffentlichkeit als geschlossenes System vorstellte.

Im System der Analytischen Psychologie Jungs spiegelt sich sozusagen die Bewusstseinsevolution des Menschen in fünf Schichten. Die unterste Ebene bildet das biologische Bewusstsein in Form der Instinkte und des vegetativen Nervensystems, das für die unwillkürliche Steuerung der inneren Organe und des Blutkreislaufs verantwortlich ist. Darüber ist das kollektive Unbewusste mit den Archetypen angesiedelt, dessen Inhalte und Strukturen bei jedem Menschen auf dem Planeten gleich sind, egal welcher Ethnie oder Kultur er entspringt. Die dritte Schicht bildet das persönliche Unbewusste, in dem all das abgelegt ist, was ein Individuum aus seinem Bewusstsein, der vierten Schicht, ausgelagert oder verdrängt hat. Das reflektierende Ich, das, was wir als unsere Person empfinden, schließlich ist die Spitze des Eisbergs der Psyche und eher nur Objekt der unteren Schichten denn ein eigenes Subjekt wie es sich dem Intellekt darstellt.

In den Worten Jungs: „Die Inhalte des persönlichen Unbewussten sind Erwerbungen des individuellen Lebens, die des kollektiven Unbewussten dagegen stets und a priori vorhandene Archetypen.“

Das kollektive Unbewusste und seine Strukturelemente, die Archetypen, sind den Forschungen Jungs zufolge der Dreh- und Angelpunkt des menschlichen Geistes. Wichtig zu unterscheiden ist, dass Archetypen an sich nicht anschaulich sind, also noch hypothetische, gestaltlose Vorlagen der psychischen, geistigen, seelischen und physischen Gegebenheiten darstellen, welche das Bodymind-System Mensch ausmachen. Sie nehmen die Form von Bildern, Symbolen und Typologien an, sind in Geschichten und Märchen eingewebt und zeigen sich in Mythen, Träumen und Visionen. Sie sind wie die Samen, welche die Gestalt des Baums in sich tragen, wie die Mutterlauge, aus der sich die Kristalle bilden.

Bevor man sich jedoch mit diesen geheimnisvollen Archetypen und ihrer Wirkung befasst, ist notwendig, sich eine Vorstellung vom kollektiven Unbewussten zu machen.

Archetypen: Bilder gegen das unheimlich Lebendige der Seelentiefe?

In zahllosen interkulturellen Vergleichsstudien – unter anderem beschäftigte er sich jahrzehntelang intensiv mit dem chinesischen I Ging – fand C.G. Jung heraus, dass archetypische Motive unabhängig von Kulturarealen, persönlichen Kenntnissen, Traditionen und/oder Migrationsbewegungen auftraten. Er stellte fest, dass in den verschiedensten Mythologien und religiösen Systemen, in Märchen und Mythen viele ähnliche oder gleiche Strukturen, Muster und symbolische Bilder anzutreffen waren, und dass in allen Menschen bestimmte archetypische Strukturen wirkten.

Das kollektive Unbewusste musste also so etwas wie ein Raum sein, in den die ersten Spuren des menschlichen Lebens aus den Tiefen der biologischen Prozesse, der Quelle alles Lebendigen, einfließen und energetische Gestalt annehmen. Das kollektive Unbewusste verfügt über keine Sinnesorgane, kennt keine Sprache, keine Ethnie und keine Kultur, ja kennt nicht einmal das, was wir für Natur halten. Deshalb ist es so allgemeingültig. Das kollektive Unbewusste ist kein abgekapseltes, persönliches System, es ist weltweite Objektivität, es ist sozusagen das Selbst der Welt, das alles umfasst. Mit den Worten Jungs: „Ich bin das Objekt aller Subjekte, in völliger Umkehrung des gewöhnlichen Bewusstseins, wo ich stets Subjekt bin, welches Objekte hat.“

Jung ging sogar noch weiter und meinte schlussendlich, dass „die Wahrscheinlichkeit besteht, dass Materie und Psyche zwei verschiedene Aspekte ein und derselben Sache sind und der Archetypus jenseits der psychischen Sphäre gebildet wird.“  Die Quantenphysik sagt heute nichts anderes.

Die alten indigenen Völker wussten um die Implikationen der Umkehrung des gewöhnlichen Bewusstseins. Wer vom Unbewussten berührt wird, wird augenblicklich unbewusst, verliert sein Ich-Bewusstsein, und ist den Archetypen sozusagen ausgeliefert. Diese Urgefahr war und ist den Stammesvölkern instinktmäßig bekannt und Gegenstand allergrößten Schreckens.

Gegen das unheimlich Lebendige der Seelentiefe, das aus dem kollektiven Unbewussten emporleuchtet, hat die Menschheit von Anfang an magischen Schutz in kräftigen Bildern gesucht, die es gleichsam formten, zähmten und kanalisierten. Die in diese Bilder eingebetteten Gestalten des Unbewussten, die Archetypen, weisen deshalb immer hinaus in den kosmischen, außerseelischen Raum, sind sozusagen nicht von dieser Welt.

... Märchen, Mythen, Bilder, die uns aus den Träumen entgegenstürmen.

Was heißt das nun für uns Menschen der Neuzeit, denen keine Amulette, Rituale oder Götter mehr zur Seite stehen, weil wir einen Bedeutungsverlust erlitten haben; die wir meinen entdeckt zu haben, dass all dies nichts als von Menschenhand geschaffene Nichtsnutzigkeiten sind; die wir die Märchen, die Mythen, die Bilder, die uns aus den Träumen entgegenstürmen, nicht mehr lesen können, und die wir wegen der Visionen, die uns ereilen, ganz irdisch in die nächste Klapsmühle verbracht werden können.

Unser aufgeklärtes Bewusstsein, unser Intellekt, der nur noch bei sich selbst einkehrt, um im kalten Licht seines Mentalbewusstseins eine sich bis zu den Gestirnen endlos weitende, kahle Welt zu betrachten, ist gegenüber den Kräften des kollektiven Unbewussten in eine bedrohliche Schutzlosigkeit hinausgestoßen. Die Wogen moderner Spiritualität münden in ein unwillkürliches Suchen nach neuen Schutzpatronen gegen die geahnten Gefahren, die in den Tiefen der Psyche lauern.

Bereits C.G. Jung wies auf die Unberechenbarkeit psychischer Reaktionen hin, die das unvermittelte Auftauchen von Archetypen im gesellschaftlichem Umfeld nach sich ziehen kann. Die politisch-sozialen Wahnvorstellungen, die sich daraus ergeben, erachtete Jung tatsächlich als daseinsbedrohend für die Menschheit.

Immer sind Archetypen am Werk, wenn Neurosen in großer Zahl auftauchen, so Jung. Moderner ausgedrückt: Archetypen machen sich in Wahrnehmung und Verhalten breit, wenn Personen in Anpassungsstress geraten, weil sich zu viele Lebensbereiche zu schnell und zu grundlegend verändern. Wobei sich der Effekt potenziert, je größer die Zahl der Individuen ist, die nicht in der Lage sind, aktive Anpassungsstrategien zu entwickeln.

Die Populisten spielen mit dem Feuer, wenn sie, berauscht von dem Machtgefühl, das ihnen das kollektive Unbewusste einflüstert, den Archetypus, der der jeweiligen Situation entspricht, wiederbeleben und die in ihm verborgenen, explosiven und gefährlichen Triebkräfte entfesseln. Identitätsstiftende Gemeinschaften bis hin zu Nationen können einem Archetypus verfallen und die Welt um sie herum in den Abgrund reißen, wie es die deutsche Geschichte lehrt, wie sich auch im Phänomen des IS zeigt, das neue Mitglieder unter Losung „Selbstmord oder Mord“ aufnimmt, Menschen, die in ihrer Lebensumwelt in fundamentale Anpassungsschwierigkeiten geraten sind und dem Lockruf des mächtigen Todes-Archetypus erlegen sind. Interessant hierbei, dass sich der neunköpfige Führungsrat des IS zu großen Teilen aus ehemaligen Offizieren Saddam Husseins rekrutiert. Die Vernichtung der irakischen Gesellschafts- und Staatsstrukturen hat diese Militärs in einen nicht zu bewältigenden Anpassungsstress versetzt und den Schattenkräften des kollektiven Unbewussten eine Spielwiese ungeahnter Möglichkeiten eröffnet. Wie passend, dass sie vom Archetypus unbewusst gedrängt werden, sich als Gemeinschaft der Neun – dem Symbol von Vollkommenheit – zu stilisieren.

So resümiert Jung: „Das Schicksal großer Gemeinschaften ist letztlich nur die Summierung der psychischen Veränderung von Individuen, und Neurosen sind letztlich soziale Erscheinungen.“

Eine Instinktreaktion wider aller Vernunft und Willenskraft

In geradezu jeder typischen Situation im Leben des Menschen wartet ein Archetypus im Hintergrund und drängt darauf, sich dieser Situation zu bemächtigen. Und: Es gibt so viele Archetypen wie typische Situationen im Leben. Archetypen sind der psychischen Konstitution des Menschen quasi eingeprägt, wenn auch nicht als Bilder oder Symbole, sondern noch zunächst formlos und inhaltlos. Archetypen stellen lediglich die Möglichkeit dar, eine typische Haltung einzunehmen, eine Auffassungsschablone zu vertreten oder ein bestimmtes Handlungsmuster auszuführen. Wenn sich daher im Leben etwas ereignet, das einem Archetypus entspricht – also die Gelegenheit bietet, eine typische Haltung einzunehmen, sich eine bekannte und von anderen geteilte Meinung zu eigen zu machen oder eine typische Handlungsstrategie zu verfolgen – wird dieser aktiviert, mit der Folge, dass diese Typologien zwanghafte Wirkung entfalten und sich – wie eine Instinktreaktion –  wider alle Vernunft und Willenskraft durchsetzen oder die Protagonisten in pathologisch-neurotische Konflikte stürzen.

Am Archetypus des Kindes oder Helden wird dieser Mechanismus besonders deutlich:

Man stelle sich vor: In die Praxis eines Kiefernchirurgen fährt ein dreijähriges Mädchen auf dem Laufrad in Begleitung ihres Vaters zur Tür herein – der keinen Babysitter gefunden hat und das Kind mitnehmen musste – und schon kommt der Praxisbetrieb beinahe zum Erliegen; versonnenes Lächeln zieht in den Gesichtern der Empfangsdamen und MTAs auf, auch der Zahnarzt kann den Blick kaum abwenden, bevor er zur nächsten Operation in einen der Praxisräume eilt. Der unvermittelte Einbruch des Archetypus Kind in ein entfremdetes, reines Erwachsenenumfeld löst unbewusste Reaktionen aus, denen niemand widerstehen kann. Nicht ohne Grund war das göttliche Kind für C.G. Jung der zentrale Archetypus des erlösten Selbst, und für die Menschen in der Arztpraxis bedeutete die unvermittelte Begegnung mit dem Kind die ambivalente Erinnerung an sich selbst, an die Sehnsüchte und Träume von einem erfüllten Leben. Für einen Teil dieser Menschen wird sie zu einem anspornenden, erhebenden Erlebnis – für den anderen Teil zu einer schmerzhaften Erinnerung an das, was hätte sein können.

Nicht anders spricht der Archetypus des Helden das Innerste des Menschen an. Er wird deshalb so oft bemüht und hat Eingang in tausende von Geschichten, Märchen und Filme gefunden, weil er die tiefe Sehnsucht nach Bedeutung und Erfüllung bedient, die jeder Mensch in sich trägt, und zugleich suggeriert, dass jeder zum Helden berufen ist. Denn der Held ist, archetypisch gesehen, ein Entwicklungsprozess vom Unscheinbaren zum Leuchtenden. Meist beginnt der Held seine Laufbahn als bedauernswerter Tölpel und Versager, der durch glückliche Umstände, die magische Hilfe von anderen Archetypen wie dem Weisen/Zauberer und eine gute Portion Naivität entgegen aller Vorhersage zum Erfolg kommt. Die ambivalente Wirkung dieses Archetypus kann Karrieren vom Tellerwäscher zum Millionär auslösen, andere wieder in Wolkenkuckucksheimen unterbringen und dort bis ans Ende ihrer Tage auf den Ausgang hoffen lassen.

Wie der (Selbst-) Sabotage entrinnen?

Archetypen können sich auch in grundlegenden Charaktertypologien niederschlagen und die Weltsicht der Betroffenen, ob sie wollen oder nicht, einseitig einengen oder ihre Lebensimpulse ausrichten. Beschützer, Hofnarren und Rebellen sind uns ebenso bekannt wie Dilettanten, Märtyrer und Saboteure. In jedem Roman, in jedem Drehbuch spielen sie erfolgreiche Rollen deshalb, weil sie im Leser und Zuschauer archetypisches, tief eingebettetes, unbewusstes Wiedererkennen auslösen.

Was also tun, damit wir der – in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen durchaus gewollten und geplanten – Ansprache durch die in uns schlummernden Archetypen nicht willenlos ausgeliefert sind oder im Massenwahn mitrennen oder gar in die Delirien des Psychotischen hinabgerissen werden?

Zunächst einmal ist erforderlich, sich die Welt der Archetypen und die tiefe Verwurzelung des Menschen in ihnen bewusst zu machen. Die Archetypen verkörpern die Natur, die Biosphäre, mit der die Menschheit intrinsisch und tief verbunden ist. Der Mensch ist Natur, bis tief in die letzte Sauerstoff verstoffwechselnde Mitochondrie hinein. Dass wir die natürliche Umwelt nach unseren Bedürfnissen gestaltet – man kann heute auch sagen: zerstört, die „Natur also gezähmt“ haben, verändert an diesem Umstand rein gar nichts. Selbst wenn wir diesen Planeten verlassen würden, nähmen wir uns selbst als Naturwesen mit.

Auf der anderen Seite sind wir Kulturwesen, was uns nicht erst seit der Moderne dazu verleitet hat, uns außerhalb oder über der Natur zu wähnen. „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alles Lebendige, was auf Erden kriecht!“ heißt es in der Bibel (Genesis 1,28). Die Archetypen lehren uns: Es ist genau umgekehrt! In Märchen, Bildern, Symbolen und Mythen, in den Rhythmen, die durch unsere Adern und Körper schlagen, und im Ton, in der Musik, die in uns klingt, rufen sie uns zu: Sehet, höret, spüret! Wir sind die Mächte, die euch lenken! Allerdings haben wird verlernt, ihre Sprache und Signale zu verstehen. Je höher wir aufgestiegen sind mit unseren Hochkulturen, desto mehr haben wir den Ursprung vergessen, der uns prägt: arché heißt im Altgriechischen Anfang/Skizze/Vorbild, typos Schlag/Abdruck.

Wir müssen also unsere kulturellen Prägungen und Konditionierungen erkennen, sie durchbrechen, sie transparent machen, um die Urbilder schauen und ihrem Lied lauschen zu können. Nur dann kann uns ihre gewaltige Energie zufließen. Wenn es jedoch nicht gelingt, die Verbindung aufzubauen und zu halten, verbleiben die Energien im Unbewussten und dienen ihre Macht jeder noch so absurden Vorstellung oder Idee an, die ihnen der aus der Kultur geborene und polar operierende Intellekt als verlockendes Ziel vorhält.

Wie die Natur sind die Archetypen vieldeutig und prinzipiell paradox, für sie ist Gut oder Böse oftmals eine Frage der Perspektive, gerne sind sie bereit, das Böse als den Thronsitz des Guten und umgekehrt zu sehen.

Die Archetypen zeigen sich uns in einem Rhythmus von Dunkel und Hell, in Bildern von Absturz und Aufstieg, Sackgasse und Erleuchtung. Und sie weisen immer hinaus in die Unendlichkeit und zurück auf den anfangslosen Beginn. Sie sind die Quelle unserer Sehnsucht nach Rückverbindung mit der Einheit allen Seins.

Das Erkennen der eigenen kulturellen Konditionierungen macht den Weg frei für die Selbstrealisation und eine letztendliche Weltrealisation, die das kollektive Unbewusste miteinschließt. Erkenne dich selbst stand über dem Eingangstor des Orakels von Delphi. Es gilt, immer zu wissen, wer man ist. Sich unteilbar machen, Ganzwerden zu etwas Einzigartigem, über die Begegnung mit der eigenen Verletzlichkeit, mit dem Archetypus des eigenen Schatten Authentizität erringen - das ist das Rezept, um der Gefahr der Vermischung mit unbewussten Strukturen zu entgehen. Dann können wir wahrhaft zu dem Menschen werden, der in uns angelegt ist und der wir zu sein wünschen.

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