Die Egerner Höfe: Gräfliche Nachhaltigkeit im Tegernseer Land

Magic Places

... Und so trieb es mich als eigentlichen Kritiker diesmal an den Tegernsee. Mich interessierte, ob und wie denn an diesem Ort nachhaltig gewirtschaftet würde, so, wie man es von einem adeligen Besitzer erwartet. Was ich vorfand, war überraschend.

Die Egerner Höfe: Gräfliche Nachhaltigkeit im Tegernseer Land

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Den Tegernsee mochte ich nie. Er war bisher einfach nicht meine Welt. Orte wie Gmund, Bad Wiesee etc. kamen mir immer wie fragwürdige Oasen einer falschen Gemütlichkeit vor. Und Rottach-Egern war für mich der Inbegriff dessen, was die Münchner meinten, wenn sie vom Lago di Bonzo sprachen, und damit eben den Tegernsee und seine (neu)reichen Bewohner meinten. Schon die An- und Abfahrt an den Wochenenden waren mir ein Gräuel, vor allem der endlose Stau ab der Autobahnabfahrt Holzkirchen.

Aber irgendwie gab es doch eine Faszination, die mich zwei- bis dreimal im Jahr dorthin fahren ließ. Da war natürlich die Fahrt auf dem Tegernsee wie auch andere verborgene Highlights, die sich eher auf das kulturelle Erbe bezogen, wie die Kirche von Rottach-Egern, und ihr Friedhof, auf dem viele Berühmtheiten bestattet sind, so zum Beispiel der Opernsänger und Schauspieler Leo Slezak. Dennoch kam mir der Tegernsee und speziell Rottach-Egern trotz der engen Besiedelung immer zu verschwenderisch vor, dazu respektlos im Umgang mit der Natur. Das änderte sich schlagartig, als ich Graf und Gräfin Moltke kennen lernte.

Klaus-Dieter Graf von Moltke und Susanne Gräfin von Moltke sind Besitzer und Eigentümer der Egerner Höfe, einer Hotelanlage, die, obwohl sie nicht über den Seeblick verfügt, dennoch bemerkenswert ist. Natürlich verfügen die Höfe über alles, was ein Hotel dieser Kategorie braucht, um auf Augenhöhe mit der Konkurrenz zu sein. Dieser Tatsache ist es aber nicht geschuldet, dass ich beide als außergewöhnliche, nachhaltig denkende und inspirierende Menschen kennenlernen sollte.

Nachhaltigkeit ist einer der 39 Werte, auf den ich mich mit meinem Team von RADIO 39 beziehe. Nachhaltigkeit, ursprünglich ein Begriff der Forstwirtschaft. Er bedeutet, dass man nur so viel Holz schlagen soll wie nachwachsen kann. Es darf also nur so viel Material in Anspruch genommen, soviel Output geliefert werden, wie verbraucht, wie benötigt und wie finanziert werden kann. Mit diesem Hintergedanken im Kopf trieb es mich als eigentlichen Kritiker diesmal an den Tegernsee. Mich interessierte, ob und wie denn an diesem Ort nachhaltig gewirtschaftet würde, so, wie man es von einem adeligen Besitzer erwartet. Was ich vorfand, war überraschend.

Gräfliche Nachhaltigkeit im Tegerneseer Land

„Wir haben eine soziale, eine ökologische und eine ökonomische Verantwortung“, beschrieb mir Graf Moltke seine Interpretation des Wertes Nachhaltigkeit in einem persönlichen Gespräch. In seiner sozialen Verantwortung beschäftigt er über dreißig festangestellte Mitarbeiter. Zwanzig von ihnen sind bereits fünfzehn Jahre oder länger im Team. Und alle stammen aus dem Tegernseer Tal.

Die ökologische Verantwortung schreibt unter anderem vor, dass die Beschaffung der benötigten Güter so weit als möglich elektromobil erfolgt. Nahezu das gesamte „Food & Beverage“ – also Essen und Getränke – stammt aus der Region. Feste Vereinbarungen mit Landwirten, Metzgern, Sennern etc., sichern ein beiderseitiges zuverlässiges Wirtschaften. Auch beim Bau und später bei der Erweiterung der Egerner Höfe war der ökologische Gedanke vorrangig. Handwerker, die im Umkreis von wenigen Kilometern ihr Zuhause haben, gestalteten landschaftstypische Gebäude aus Materialien, die hier verheimatet sind. „Das entspricht genau unserer ‚80/80 Philosophie‘“, präzisierte der Graf sein Wertedenken für mich. „80 Prozent dessen, was wir hier benötigen, kommt direkt aus der Region, und soll nur aus einem Umkreis von 80 Kilometern bezogen werden. Die 20 Prozent, die übrigbleiben, betreffen Dinge, die wir hier einfach nicht selbst herstellen oder bekommen können, wie Meeresfisch, Wein oder technische Geräte.“ Damit haben der Graf und die Gräfin ein lebenswertes Prinzip geschaffen, jedoch kein Dogma. Trotz des positiven Willens gelingt es leider nicht immer, diese Philosophie durchsetzen zu können, beispielsweise was die daraus resultierende Preisgestaltung anbelangt. In diesem Fall wird versucht erzieherisch und vorbildhaft zu wirken, in der Hoffnung, damit zum Wohle aller erfolgreich zu sein. Widerstände sieht der Graf als Herausforderung, um noch kreativer und besser zu werden.

Einem zeitgeistigen, meist überflüssigen Wettrüsten will sich hier hingegen niemand stellen, „weil genau dieses es ist, was ökologische Schäden anrichtet, zum Beispiel beim Bau eines neuen Schwimmbads, obwohl das gegenwärtige völlig ausreicht.“ Fliesen werden hier nicht geändert, nur weil sich der Farbgeschmack geändert hat. Luxus und Nachhaltigkeit erhalten eine gelungene Komposition in der Kombination von Ruhe und Solidität. Für einen schnelllebigen Zeitgeist ist eben kein Platz. „Wieviel Luxus verträgt Nachhaltigkeit und umgekehrt?“ fragte ich den Grafen. Die Antwort war überzeugend: „Dieses Thema betrifft nicht nur mich, es betrifft das Tegernseer Tal an sich. Wir können nicht immer mehr Betten bauen und so tun, als würde das schon irgendwie funktionieren. Wir brauchen Strukturen, die zu Ende gedacht sind, und müssen über eine vorausschauende Standortentwicklung nachdenken. Hier im Tegernseer Tal hängt jeder 1,5te Arbeitsplatz vom Tourismus ab, den wir in seiner Qualität stärken müssen. 20 Prozent qualitatives Wachstum können wir sicher vertragen, aber wir müssen weg vom quantitativen Wachstum. Wir müssen nicht Bettenburgen bauen, sondern uns darauf besinnen, was die Werte dieser Region sind. Wir leben hier mit der Tradition und von der Tradition. Und wenn wir die Lebensqualität der Einwohner in eine vernünftige Koexistenz mit der des Gastes bringen, dann haben alle gewonnen.“

Diese Vision, an der mich Klaus-Dieter Graf von Moltke und seine Gattin Susanne teilhaben ließen, setzen Maßstäbe, die nicht nur mich inspirierten. Womit ich wieder bei meiner anfänglichen Kritik am Tegernsee und seinem „Way of life“ angelangt bin, die sich aber durch meine Begegnung mit der Familie von Moltke doch etwas gemildert hat, vor allem, weil ich jetzt verstehe, was sich hinter den Kulissen abspielt, und dass man eben für den Erhalt dieser so einzigartigen Landschaft und Tradition kämpft und sie nicht dem schnöden Mammon oder dem Zeitgeist opfert. Diese Haltung sollte uns allen ein Vorbild sein.

Mein besonderer Tipp für Sie: Der Sternekoch Michael Fell ist in den „Dichterstub’n“ der Egerner Höfe für die kulinarischen Highlights zuständig, die er in so feinsinniger Art kreiert und präsentiert, dass ein romantisches Dinner for two niemals schiefgehen kann – im Gegenteil.

Die Dichter, die hier verewigt sind, weil sie eine tiefe Beziehung zum Tegernsee hatten, heißen Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer, Karl Stieler und Franz von Kobell; sie schenken ihm ihre Inspiration. Und wer als Gast diese Inspiration nicht versteht oder erfühlt, dem wird ein bekanntes Fastfood-Restaurant empfohlen, dass es in Rottach-Egern eben auch gibt.

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