Die Kunst, richtig negativ zu denken – Teil 04:
Der negative Murphy „Was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“

Glück

„Survival of the fittest“ – die Natur begünstigt den, der auf die schlechtest mögliche Veränderung so eingerichtet ist, dass er sie überleben kann. Die Entwicklung der menschlichen Intelligenz ist wahrscheinlich Ausdruck genau dieses Prinzips.

Die Kunst, richtig negativ zu denken  Teil 04:  Der negative Murphy „Was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“

Die Kunst, richtig negativ zu denken – Teil 04:
Der negative Murphy „Was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“

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Glück

Lieben Sie es, wenn etwas schiefgeht? Nein? Sind Sie wirklich sicher? Hans Christian Meiser wird ihnen das Gegenteil beweisen. Und er wird ihnen zeigen, warum es Sie sogar glücklich macht, wenn etwas sich von seiner schlechtesten Seite zeigt. Wahrscheinlich glauben Sie gar nicht, dass Sie ein echter Negativ-Denker sind; es gibt aber etwas in Ihnen, das mit dem Negativen liebäugelt, gerade weil sie das Positive suchen. In der ersten Folge hieß es „Die Geburt eines Murphianers“. Werfen Sie nun einen weiteren Blick auf Ihre Denkgewohnheiten und lassen Sie sich überraschen …

Nehme wir an, uns wäre das Unmögliche doch einmal gelungen, und wir hätten den Entdecker von „Murphy’s Law“ irgendwo aufgetrieben. Wahrscheinlich hat er sich jahrzehntelang versteckt gehalten, aber irgendwann musste ja auch das einmal schiefgehe. Vielleicht kann er uns als uralter Mann nun erklären, auf welche Naturgesetzen seine Vorstellungen beruhen.

Mr. Murphy, warum gönnen Sie den Menschen denn nicht, dass doch irgendwo und irgendwann mal etwas klappt?

„Aber das tue ich doch. Ich gönne es allen Mitmenschen von Herzen. Ich möchte sie ja nur davor warnen, sich darauf zu verlassen. Schon das Entropiegesetz unseres Kosmos besagt, dass sich alle Ordnung unaufhaltsam in einen weniger geordneten Zustand verwandelt. Jede Maschine, und das wissen Sie und ich genau, wird irgendwann aufhören, ordentlich zu funktionieren. Auch der Mensch stirbt ja schließlich am Ende seines Lebens an einem Körper, der nicht mehr so gut arbeitet wie früher. Langfristig ist also immer mit einer Verschlechterung zu rechnen. Darauf beruht mein Gesetz, und deshalb stimmt es ja auch.“

Aber trotzdem kann es doch durchaus irgendwo eine positive Entwicklung geben. Seit der Steinzeit erleben wir doch erfreuliche Fortschritte. Woher sollen die gekommen sein, wenn immer alles schiefgegangen ist?

„Über die Qualität dieses Fortschrittes ließe sich lange und trefflich streiten. Wir haben gelernt, wie man mit immer besseren Waffen immer mehr Menschen auf einmal umbringen kann. Dank der fortgeschrittenen Medizin und der hochentwickelten Landwirtschaft verhungern heute auf einem überbevölkerten Planeten mehr Menschen als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Auf die Katastrophen, die uns die moderne Wissenschaft bei der Atomenergie beschert hat, brauche ich wohl nicht erst einzugehen. Nicht umsonst spricht die Mythologie davon, dass am Anfang und nicht am Ende unserer Geschichte ein Goldenes Zeitalter steht. Seit jenen goldenen Zeiten ist ständig alles schiefgelaufen.“

Ein geschichtsphilosophischer Streit bringt uns wahrscheinlich nicht weiter. Könnten Sie denn nicht wenigstens einräumen, dass es im Leben des einzelnen Menschen immer wieder Anlässe gibt, bei denen er etwas Positives erfährt – Liebe zum Beispiel oder, ganz profan, einen Lotto-Gewinn?

„Geschenkt. Ich bestreite doch gar nicht, dass es etwas Positives gibt. Ich sage ja nur: Das Positive ist immer ein Präsent, ein Zufall, eine Fügung – eben etwas, mit dem wir nie rechnen können. Und wenn es dann doch eintritt, hat es einen großen Pferdefuß. Wie viele katastrophale Ehen durch „Liebe auf den ersten Blick“ entstanden und wie viele noch halbwegs intakte Familien durch einen überraschenden Lottogewinn ruiniert wurden, will ich gar nicht weiter ausführen. Mein Gesetz soll den Menschen helfen, den nötigen Rationalismus zu entwickeln, der ihnen erlaubt, mit ihrem Leben fertig zu werden. Das Eintreten negativer Ereignisse ist die Regel und das Positive eben die große Ausnahme. Also stellt man sich besser auf das Wahrscheinlichste ein und nicht auf das Unwahrscheinlichste.“

 

Wenn die Aussichten wirklich immer so düster sind, sollten wir dann nicht lieber auf jede Aktivität verzichten? Haben Sie denn keine Angst, dass sie die Menschen mit solchen Prognosen in die Verzweiflung und den Selbstmord treiben?

„Aber nein, so einfach können wir es uns ja nun auch nicht machen. Wenn wir gar nichts tun, wird alles von selbst noch viel schlimmer als es ohnedies schon ist. Nur durch überlegtes Handeln können wir verhindern, dass es zum Schlimmsten kommt – eben indem wir uns darauf vorbereiten und es ständig einkalkulieren. Wenn wir richtig vorbereitet sind und eine entsprechende Strategie haben, dann werden wir mit dem Schlimmsten fertig und überleben es. Und nur das Überleben zählt letzten Endes. „Survival of the fittest“ – die Natur begünstigt den, der auf die schlechtest mögliche Veränderung so eingerichtet ist, dass er sie überleben kann. Die Entwicklung der menschlichen Intelligenz ist wahrscheinlich Ausdruck genau dieses Prinzips. Das Denken entstand aus der Antizipation des schlimmsten Falles und unser handwerkliches Geschick aus dem Zwang, uns darauf vorzubereiten. Also kein Grund zur Verzweiflung – solange es noch etwas gibt, was schiefgehen kann. Selbstmord ist erst recht keine Lösung. Ganz abgesehen davon, dass er nicht klappen könnte und man schwer geschädigt in dieser Welt verbleiben muss; wer sagt uns denn, dass es in der nächsten besser wird?“

Es fällt schon schwer, sich diesen Argumenten zu entziehen. Dazu macht Mr. Murphy keineswegs den Eindruck eines unglücklichen oder verzweifelten Menschen. Er wirkt für sein sehr hohes Alter erstaunlich fit und entspannt und erzählt, wie er mit über neunzig Jahren noch täglich joggte und dass er viel Zeit damit verbrachte, sein Testament an die neuesten Erbschaftssteuergesetze anzupassen. Seine Hauptsorge ist, dass nicht genügend Geld für seine Beerdigung übrigbleibt. Auffällig ist nur, dass er niemandem seinen Wohnort verraten will. Sollte doch jemand dahinterkommen, rechnet er mit dem Schlimmsten. In seine Überlegungen hat er offenbar journalistische Fähigkeiten nicht miteinbezogen. Denn vor einigen Jahren wurde bekannt, dass er ein amerikanischer Sicherheitsingenieur war, der im Vornamen Edward hieß. Für die Luftwaffe sollte er im Jahr 1949 herausfinden, wie viel Mal der menschliche Körper die Erdanaziehung auszuhalten vermag. Ein Testpilot war schnell gefunden. Diesem wurden sechzehn Sensoren angelegt, die wiederum mit einem Messgerät verbunden waren, allerdings wurde jeder einzelne Sensor falsch angeschlossen, obwohl es für jeden Sensor nur zwei Möglichkeiten gab. Daraufhin soll Ed Murphy seinen berühmt gewordenen Satz aufgerufen haben. Die Entwicklung desselben ist bekannt, weniger vielleicht, dass die Wissenschaft auch dessen Umkehrung „erfand“. Sie lautet: „Wenn etwas nicht schiefgegangen ist, obwohl es hätte schiefgehen können, stellt sich am Ende heraus, dass es besser gewesen wäre, es wäre schiefgegangen.“

Ich kann nur hoffen, dass Mr. Murphy diesen Satz je zu Gesicht bekommt, denn schließlich möchte ich nicht, dass er jetzt noch seine Lebensphilosophie aufgeben muss.

Lesen Sie in der nächsten Folge, was der „positive“ Murphy zu sagen hat.

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