Hans Christian Meiser

Gemeinsamkeit

Liebe

„Das Du und das Ich sind älter als das „Wir“, schreibt der Philosoph Friedrich Nietzsche. Diese Aussage findet allerdings ihre Bestätigung nur dann, wenn man sie auf die Individualität anwendet.

 

Gemeinschaft macht stark

Die Gewissheit,
nicht alleine zu sein

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Liebe

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Die protestantische Theologin Dorothee Sölle führte die „riesige Hoffnungslosigkeit“ der Europäer auf die Vereinzelung des Individuums zurück. Die Geschichte scheint ihrer These Recht zu geben: Je mehr die Gesellschaft auseinanderdriftet, ihre Mit-Glieder der Ich-Sucht und einem gnadenlosen Egoismus verfallen und jede Form des bindenden Gemeinschaftsgefühls schwindet, umso mehr gerät sie in Gefahr, mit den gegenwärtigen Modellen des Zusammenlebens und des Umgangs miteinander auf allen Ebenen zu scheitern.

Für die Krise innerhalb von Familie, Wirtschaft und Politik kann die „Abkehr vom Wolfsrudel“, jene Ablösung des Gemeinschaftsgedankens durch den Egozentrismus und die damit verbundene Ausrottung des in Vor-Zeiten herrschenden Wir-Gefühls, verantwortlich gemacht werden. Dieses war nötig, um das Überleben der Sippe, des Clans, des Stammes zu gewährleisten.

Heute, im Zeitalter des Hyperindividualismus gibt es dieses Wir-Gefühl zwar nach wie vor, doch es ist aus der realen in die digitale Welt übersiedelt: Die so genannten „sozialen“ Netzwerke, die mitunter auch ziemlich unsozial sein können, haben die Aufgabe eines virtuellen Zusammenhalts übernommen.

Aber auch jenseits der Welt von Bites und Bytes gibt es Ansätze zur Hoffnung: Führende Köpfe und Vertreter wichtiger gesellschaftlicher Gruppen haben mittlerweile erkannt, dass es alleine nicht mehr geht, dass wir die drängenden Probleme einer globalisierten Welt, in der verschiedene Wertvorstellungen miteinander konkurrieren, nur noch gemeinsam lösen können, da in einer derart verflochtenen Zeit wie der modernen jeder von jedem und alles von allem abhängig ist. Wirkliche Autonomie bedeutet heute: Vernetzt leben.

Ein sichtbares Zeichen des Hungers nach Gemeinsamkeit setzten schon 1993 die Besucher aller Konfessionen des 25. Deutschen Evangelischen Kirchentages: Sie verknüpften sich mit 5000 Metern Band, um auf diese Weise ein – nicht nur ökumenisches Netz – zu symbolisieren. Solidaritätskundgebungen wie Sternmärsche oder Lichterketten unterstreichen, dass sich eine Vision von Gemeinsamkeit in weiten Teilen der Gesellschaft entwickelt hat.

Auch der Film „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ erzählt von dieser Ursehnsucht des Menschen – in jener berühmten Szene, in der alle Bewohner des fernen Planeten geschlossen um ihren Weltenbaum sitzen und sich gemeinsam im Rhythmus ihrer Seelenklänge wiegen. Es ist diese Rückbesinnung auf die Ur-Horde, die uns solche Szenen als besonders schön und erstrebenswert erachten lassen. Alleine sind wir nichts – gemeinsam aber werden wir nicht nur stark, wir erleben uns auch durch die vermehrte Ausschüttung des Kuschel- und Bindungshormons Oxcytozin als Einheit mit jenen, die wir zuvor noch als „Andere“, als „Fremde“ wahrgenommen haben.

Waren die 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch exzentrische „Ich-Dekaden“, in denen die Betonung individueller Wünsche und Selbstverwirklichung Hauptlebensinhalt war, entstand gewissermaßen als Gegenbewegung die „Wir-Dekade“ der 90er und Millenniumsjahre; und dies nicht nur bei den Minderheiten der Gesellschaft, die ohnedies über ein Zusammengehörigkeitsgefühl verfügen müssen, um nicht unterzugehen.

Heute rücken die Menschen trotz ihres ausgeprägten Individualismus notgedrungen wieder näher aneinander, denn die Gefahren des internationalen Terrorismus haben ihnen gezeigt, dass – wie es in der Fernsehlotterie heißt – das „WIR“ gewinnt.

In vielen Bereichen von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sind Netzwerke entstanden, die sich mittlerweile als Antworten auf die globalen Herausforderungen verstehen. Im Selbstverständnis des einzelnen Menschen aber muss noch eine Lücke hinsichtlich des gemeinschaftlichen Handelns geschlossen werden.

 

Es ist deutlich festzustellen, dass das Bedürfnis nach partnerschaftlichen Lösungen immer mehr wächst, sowohl in der Politik, als auch immer mehr in der Wirtschaft und sogar im soziologischen Kontext. Heute lässt sich ein zufriedenstellendes und erfolgreiches Leben nur noch in gemeinschaftlicher Anstrengung verwirklichen, wobei die Silbe „wir“, die sich in diesem Wort versteckt: ver – wir – klichen, schon darüber Auskunft gibt, dass bei der Gemeinsamkeit nicht nur jeder Beteiligte gewinnt, sondern auch dessen jeweiliges gesamtes Umfeld.

Die Werbung hat diesen Trend aufgegriffen, überall rückt der Teamgeist in den Vordergrund. Ist da mehr als ein modischer Trend? Ich sage: Ja. Denn wir haben gelernt, dass Einzelkämpfer nicht überleben. Das einstige Ideal des einsamen Helden, der Heldenmythos, hat ausgedient, und die Chance zu gewinnen, ist nur noch mit der geeigneten Gruppe, die ihrerseits selbst etwas gewinnt, realisierbar. Dieses neu entstehende und auch durch die sozialen Netzwerke beschleunigte Bewusstsein stellt eine kommende Veränderung zu einem positiven Wandel innerhalb von Familie, Wirtschaft und Politik dar. Wenn wir nun dem Helden „Rambo“ Lebewohl sagen, sollte dies so verstanden werden, dass es sich dabei um einen Abschied für immer handelt, aus dem sich neue, befriedigendere Möglichkeiten des Zusammenlebens und des gemeinsamen Arbeitens herausbilden werden.

„Das Du und das Ich sind älter als das „Wir“, schreibt der Philosoph Friedrich Nietzsche. Diese Aussage findet allerdings ihre Bestätigung nur dann, wenn man sie auf die Individualität anwendet: Bevor der Einzelmensch sein Ego entdeckt, erfährt er als erstes Du das Gegenüber seiner Eltern, bevor er das schützende familiäre Wir-Gefühl entwickelt. In der Evolution der Menschheit insgesamt aber finden wir diesen Dreischritt in umgekehrter Richtung: Das tatsächliche Ich entdeckt sich im Abendland erst, als in der griechischen Tragödie der Chorführer die Bühne betritt, indem er sich aus dem großen WIR der Chorgemeinschaft löst und sich vor diese als singuläres Wesen hinstellt, wobei der Chor von nun an das Du verkörpert. Zur selben Zeit etwa entwickelte dagegen in Indien Siddharta Gautama Buddha einen gänzlich anderen Ansatz. Seine Lehre besagt, dass nur der, der sein Ego durchschaut und überwindet, von den Leiden dieser Welt erlöst wird.

Die Entwicklung des Individuums, das Erwachen des Ich, für das der griechische Chorführer symbolhaft steht, löst das alte Gemeinschaftsdenken jener Urwelt, in der alles auf magisch-mystische Weise miteinander verbunden ist, ab. Der Gruppenzusammenhalt der frühzeitlichen Stammeskulturen, der für das Überleben wichtig war, existiert nicht mehr. An seiner Stelle betritt nun ein durch das Patriarchat etabliertes Ich-Bewusstsein die Bühne und feiert den Sieg über die vom Mutterrecht geprägte Kollektiv-Urwelt. Ich-Verständnis und männliche Vorherrschaft sind so stark miteinander verknüpft, dass zeitweise sogar eine Identität dieser beiden Größen eintritt. In der Gestalt Luwigs XIV., der sich anmaßte zu sagen „L’Etat c’est moi“ („Der Staat bin ich“) findet diese Vorstellung zu einem Ausdruck, der im Allmachtswahn eines Adolf Hitlers seine furchtbarste Fortsetzung fand. Doch auch in der Demokratie schließt jedes übertriebene Ich-Bewusstsein ein Gruppenbewusstsein aus, führt zu Vereinzelung, zu Machbarkeitsphantasien und uneingeschränktem Fortschrittsglauben. Die Medien, die diese männliche Vorstellung adaptierten (da sie zumeist von Männern „gemacht“ werden, die ihre Herrschaft nicht aufgeben wollen), erkannten bald, dass sie in den Gestalten des „lonesome cowboy“, des „Rächers“ oder des „Gejagten“ eine Rechtfertigung der eigenen Macht erreichen konnten, mit der sich das singuläre Helden-Ideal problemlos verkaufen ließ. Bruce Lee, Charles Bronson oder Sylvester Stallone waren geeignete Nachfahren des John Wayne, aus dessen Mythos schließlich die Kultfiguren Django, Rocky und Rambo hervorgingen, die sich aber letztlich als nicht überlebensfähig erwiesen. Der Mythos des einsamen Helden, der – wie weiland Herakles – allen Unbilden des Lebens zum Trotz ein Abenteuer nach dem anderen unbeschadet übersteht, schwankt – und nicht umsonst erwies sich das Filmepos „Last action hero“ von Arnold Schwarzenegger als Megaflop. Selfulfilling prophecy: Die letzte Tat des Helden steht bevor. Dann wird er endgültig abdanken.

Die Macher der James Bond Filme hingegen erkannten die Zeichen der Zeit und schufen einen neuen 007, einen, der zwar immer noch die Lizenz zum Töten hat, der aber mittlerweile nachdenklich geworden ist, und sogar teilweise depressiv; er bedarf der weiblichen Hilfe und sieht sich nicht mehr als jemand, der um jeden Preis die Welt retten und die Schurken besiegen muss. Mit anderen Worten: James Bond ist Mensch geworden.

 

Die Gründe für diesen Wandel sind vielschichtig. Wir befinden uns in einer Phase des Abschieds vom Patriarchat. Alte Rollenschemata greifen nicht mehr, neue sind erst allmählich im Begriff zu entstehen. Darin mag auch das Aufblühen des Terrorismus in unserer Zeit eine seiner Wurzeln haben. Das Alte spürt, dass es bald nicht mehr sein wird, und kämpft mit letzter Kraft um das Überleben und um Anerkennung. Dennoch ist unverkennbar, dass der Mensch in die WIR-Phase seiner Geschichte eintritt. Ob es sich um ansteigende Scheidungsraten, um Umweltzerstörung (die ja im Grund genommen eine Weltzerstörung ist) oder politische Zersplitterung und Uneinigkeit handelt – allmählich wird angesichts der daraus resultierenden Gefahren und des damit verbundenen Unbehagens klar, dass wir es nur noch gemeinsam schaffen können. „Zivilisationen sterben durch Selbstmord, nicht durch Mord“, schreibt der Historiker Arnold Toynbee.

Man sollte freilich bei der Diskussion um den WIR-Verbund nicht außer Acht lassen, dass hier stets die freiwillig gewollte Verbindung gemeint ist, nicht jene, die durch ein Muss zustande kommt wie z.B. durch Fraktionszwang. Auch ein falsch verstandener Drang zum WIR, wie man ihn bei manchen Solidargemeinschaften findet, ist hier auszuschließen. Das von mir bevorzugte Prinzip basiert allein auf dem höchst individuellen Wunsch nach tatsächlicher Gemeinschaft – mit all ihren Vor- und Nachteilen – sowie dem Wunsch nach Aufgabe des Egotrips „Jeder gegen jeden“. „We are the world“ sang einst ein Zusammenschluss führender Popmusiker und hatte nicht umsonst damit durchschlagenden Erfolg ebenso wie der Olympia-Hit „Hand in hand“ von Giorgio Moroder.

In unserer Sendreihe „Kinderstunde“ haben wir ein geradezu exemplarisches Beispiel für die neue Gemeinsamkeit, wie wir sie auch in unserer Tätigkeit erfahren und zu leben versuchen. Die Geschichte „Der Herzbaum“ von Figen Barten, die sie für ihre Tochter Leila schrieb, erzählt – kurz zusammengefasst Folgendes:

Am Rande eines großen Waldes stand ein mächtiger Baum, der viele Blätter trug, die wie kleine Herzen aussahen. Unter diesem Baum versammelten sich jeden Morgen alle Tiere, die hier wohnten. Der Herzbaum gab ihnen nämlich noch viel mehr Wärme, Liebe und Kraft, als sie ohnedies schon hatten. Er schenkte allen die Gewissheit, nicht alleine zu sein. Nur einem gefiel diese tägliche Zusammenkunft nicht: Yegor, dem feuerspeienden Drachen, der hoch oben in den Bergen lebte und alles beobachtete, was beim Herzbaum geschah. Er war der Einzige seiner Art und deshalb ganz alleine. Und keiner kam, ihn zu besuchen oder ihn zu loben, weil alle Angst vor ihm hatten. Außerdem fanden sie ihn schrecklich hässlich.

Eines Tages flog Yegor am frühen Morgen von seinem Berggipfel zum Herzbaum und spuckte voller Eifersucht und Hass sein glühendes Feuer. „Weg mit dir und deinen schönen Herzen!“ fauchte er. Als sich die Tiere später beim Herzbaum versammeln wollten, waren sie entsetzt und traurig. Ihr Baum war schwarz und alle seine Blätter verbrannt. Und zum ersten Mal sahen sie den Herzbaum weinen.

Da sagten die Tiere: „Lasst uns den Herzbaum streicheln, damit er wieder fröhlich wird.“ Und sie umrundeten den Baum, schenken ihm ihre Liebe und gaben ihm ihre Kraft. Da geschah etwas wunderbar Seltsames: Nach und nach wuchsen dem Herzbaum neue Blätter. Sie wurden mehr und mehr und leuchteten rosa. Als Yegor von seinem Gipfel aus sah, was da unten geschah, wurde seine Wut noch größer, und er beschloss, den Herzbaum bald wieder anzugreifen.

Unter den Tieren gab es eine sehr mutige, junge Stute mit einem Glitzerschweif, die Manou hieß. Zu ihren Freunden sagte sie: „Ich werde mich heute Nacht, wenn Yegor schläft, in seine Höhle schleichen und ihn mit meinem Schweif einpinseln.“ Die Tiere wussten also, was Manou vorhatte, doch als die Stute loszog, fürchteten sie, dass Yegor sich an ihnen und am Herzbaum rächen würde. Und tatsächlich: Am nächsten Morgen flog Yegor wütend und fauchend zum Herzbaum. Er holte tief Luft, um Feuer zu spucken. Doch - es kam kein Feuer, sondern Glitzer aus seinem Maul! Glitzer, kein Feuer mehr! Die ganze Gegend funkelte, und auch alle Tiere und selbst der Herzbaum. Am allermeisten aber glitzerte Yegor selbst! Und plötzlich umringten ihn die Tiere unter dem Herzbaum und riefen: „Yegor, wie schön du bist!“ Auch Manou blickte ihn liebevoll an. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

Ich muss hier nicht erläutern, wer in dieser Erzählung wofür steht und welche Symbolik zum Tragen kommt. Wir erkennen aber, dass das vernetzte Leben, das Identität als Chance für eine gefährdete Gesellschaft in sich birgt, und dass möglicherweise die Freundschaft als Familie der Zukunft propagiert wird und nach dem Prinzip der Nächstenliebe und nicht nach dem des Fremdenhasses funktioniert; dies führt zu einem Bewusstsein, in dem das Ich seine innere und äußere Verwirklichung im WIR findet. Wie schon gesagt: Ver-WIR-klichung. Zuvor aber ist der Prozess der Selbstfindung zu bestehen, wenn man für ein WIR tatsächlich bereit sein will. Die Gruppe sollte also nicht von Personen gesucht werden, die sich von ihr eine Lösung der privaten Probleme erhoffen, sondern von reifen Persönlichkeiten, die erkannt haben, dass sich ein Leben ohne Niederlagen führen lässt, in dem alle gewinnen, wenn man nur den Mut hat, das „andere“ mit dem „Eigenen“ zu verbinden und jedes „andere“ als Bereicherung auffasst, mit dem man sich nicht auseinander-, sondern zusammensetzen sollte. Basis für ein solches Leben aber ist das Vertrauen. Vertrauen heißt lateinisch „confidere“; dieses Wort stammt von „cum videre“ und das bedeutet „gemeinsam sehen“. Gemeinsames Sehen impliziert also: sich dem anderen anzuvertrauen, mit ihm gemeinsam einen Weg zu gehen, von dem keiner weiß, wo er endet.

Wir können weiter Kriege gegen andere und gegen uns selbst führen, wir können unsere einzige und einzigartige Welt weiterhin zerstören, niemand hindert uns daran, uns immer wieder, Generation für Generation, umzubringen und uns das Leben, das ohnedies so kurz ist, zu nehmen – so, wie es seit dem Auftreten des Homo sapiens wohl täglich geschah und immer noch geschieht. Aber es hindert uns auch niemand daran, Herzbäume zu pflanzen, wo immer wir den geeigneten Boden dafür finden. Grund genug dafür gibt es ja. Und dann können wir sagen: Ich bin zwar auch alleine gut, aber gemeinsam bin ich besser.

 

 

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