Daniela Otto

„Gone Girl“ oder was wir einander antun

Aufrichtigkeit

Lieben Sie noch oder sind Sie schon verheiratet? Denn Obacht: Erzählungen über die Liebe sind hochgradig fragil und wir neigen dazu, ewige Liebe mit einer bis zum Ende auf dem Papier haltenden Ehe zu verwechseln. Lässt sich das ändern? Wir sagen: Ja!

Gone Girl oder was wir einander antun

„Gone Girl“ oder was wir einander antun

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Aufrichtigkeit

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Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“ ist ein grandioser Thriller, von David Fincher gelungen verfilmt. Doch die Geschichte um eine Frau, die ihr eigenes Verschwinden vortäuscht, um sich an ihrem untreuen Ehemann zu rächen, ist viel mehr als nur kurzweilige Unterhaltung. Sie ist eine brillante Abhandlung über die Grausamkeiten der Ehe.

Warum heiraten wir? Aus Liebe? Aus Torschlusspanik? Aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus? Weil es sich so gehört? Weil es die Gesellschaft von einem erwartet? Weil es sich ab Mitte dreißig schrecklich anfühlt, auf sämtlichen Hochzeiten allein und stigmatisiert am Singletisch sitzen zu müssen? Ja, warum heiraten wir?

Die einzig tragbare Antwort muss lauten: aus einem tiefsten inneren, irrationalen Bedürfnis heraus. Eines heftigen emotionalen Drängens wegen. Weil ein starker Wunsch nach Steigerung, nach der Besiegelung eines Bundes besteht. Weil wir es wollen. Das ist schön, und wenn die Liebe derart wahrhaftig ist, dass eine Eheschließung einfach sein muss um des bloßen Seins Willen, um gierenden Herzen Frieden zu geben, ist eben diese Schönheit einer solchen Liebe unantastbar. Die Ehe als emotional-intellektuelles Konzept ist heilig. Die Ehe als konventionelles und kulturerhaltendes Konstrukt ist jedoch mitunter fatal. Um erstere zu stiften, ist keine staatliche Institution nötig – sie ergibt sich aus dem wahren und einzigartigen Bund zweier Seelen, die sich im intimsten Liebesakt treffen, um sich für die Ewigkeit zu vereinen. Dabei spreche ich von einem Intimakt, der normale Sexualbegegnungen bei weitem übersteigt. Es geht um jene seltenen, ja womöglich einmaligen Nächte, in denen unser Herz kein Organ mehr ist, sondern sich zusammen mit unserer Seele verflüssigt und zu dem anderen geliebten Menschen fließt, sodass wir in diesem steten Zueinanderströmen und -fließen einen Hauch Unendlichkeit verspüren. Es geht um jenes Liebemachen, bei dem nicht wir, sondern unser Herz spricht und uns leitet, bei dem Körper sich verschlingen, verknoten und verkleben und eins werden, bei dem wir spüren, was Mann- und Frau-Sein eigentlich bedeuten: füreinander gemacht und nur füreinander bestimmt sein, das Herz, die Seele, den Körper des anderen zu lieben, zu ehren und zu beschützen, einander in Bewunderung anzubeten und in Ehrfurcht zu huldigen. Wer so etwas jemals verspürt hat, der darf sich selig schätzen, denn wir können davon ausgehen, dass zu solch intensiver Liebe ohnehin nur die Hochsensiblen befähigt sind. Eine solche Art der – nennen wir es – erotisch-emotionalen Eheschließung ist nach außen hin nicht sichtbar. Sie wird nicht mit dem Zeichen des Eheringes versehen, man trägt nicht den gleichen Nachnamen, sie besteht nur in uns und ist dort das sicherlich Schützenswerteste, das wir haben.

Wer sich einmal so vereinigt hat, hat die Magie der Liebe gespürt und sollte sich dieses Gefühl niemals – von nichts und niemandem auf der Welt – nehmen lassen. Es ist ein Geschenk, eine Erfahrung, die uns lehrt, dass der Mensch Zugang zu etwas hat, das größer ist als alles Irdische.

Diese Art der Hochzeit wird allerdings selten praktiziert und allem voran spielt sie gesellschaftlich überhaupt keine Rolle. Die Ehe, die wir als legitim betrachten, beginnt meistens bei den Dreißigjährigen zu grassieren, wird oftmals von dramaturgisch und rhetorisch suboptimal begabten Standesbeamten geschlossen und zieht fast immer die Zeugung von Kindern und ein Eigenheim nach sich. Das ist völlig in Ordnung und wer damit glücklich ist, nur zu. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass unter dem Deckmantel dieser Eheform oftmals massive Grausamkeiten passieren.

Schauen wir uns zunächst das zeitliche Format an. Den allgemeinen Auffassungen darüber, dass nichts ewig währe und alles vergänglich sei, dürfen wir mutig trotzen und felsenfest und unerschütterlich an die Unendlichkeit der Liebe glauben. Die Liebe in ihrer tiefsten, reinsten, wahrhaftigsten und intensivsten Form, lässt sich indes kaum vom Religiösen trennen. Wenn Gott Liebe ist, wo soll man ihn dann spüren, wenn nicht während der Liebespraxis selbst? Und wenn der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher schreibt, dass Religion Sinn und Geschmack fürs Unendliche sei, so ist dieses religiöse Unendlichkeitsstreben geradezu ideal mit unserem Urwunsch nach der ewigen Liebe analogisierbar.

Wir neigen allerdings dazu, ewige Liebe mit einer bis zum Ende auf dem Papier haltenden Ehe zu verwechseln. Der emotionale Zustand einer Ehe ist trotz äußerer Zeichen nicht einsehbar – nur weil zwei Menschen ihren Ehering tragen und im selben Haus wohnen, heißt das nicht, dass sie einander noch lieben. Im Gegenteil – insbesondere wenn Kinder da sind, ist die bürgerliche Ehe ein primär ökonomisches, nicht unbedingt emotionales Konzept. Aufgrund wirtschaftlicher Verquickungen lässt sich die Beziehung von Ehepartnern sodann – auch wenn es etwas drastisch klingt – ohnehin recht treffend mit einem Verhältnis von Herr und Knecht beschreiben. Unabhängigkeit innerhalb einer Ehe ist Illusion, denn der gemeinsame Zugewinn ist gewissermaßen als ökonomisches Ziel dieser Daseinsform definiert. Die Ehe vor dem Gesetz könnte unromantischer nicht sein, immerhin ist diese zur Aufrechterhaltung eines staatlich-finanziellen Systems konzipiert: Die funktionierende Kernfamilie zahlt Steuern und trägt mit dem Nachwuchs zur Erhaltung der Renten bei. Frauen, die bei den Kindern zuhause bleiben, machen sich finanziell abhängig von ihrem Mann. Männer, die Kinder zeugen, machen sich dadurch emotional abhängig von ihrer Frau, die die Kinder im Normalfall als ihren Besitz ansieht. Auch wenn beides – Kinder und Vermögen – beiden gleichermaßen gehört, ist der gefühlte Besitz dennoch etwas anderes. Der arbeitende bzw. mehr arbeitende Mann scheint mehr Anspruch auf materielle Güter zu haben, während der fürsorglichen Mutter scheinbar die Kinder mehr zustehen.

Im Gegensatz dazu: Wer sagt eigentlich, dass eine Liebe vorbei ist, nur weil sie nicht in einer paarkonformen Lebensform praktiziert wird? Wer einmal eine heilige Nacht mit einem Menschen verbracht hat, darf diesen für immer lieben – egal, was die Welt drumrum denkt. Wer liebt, kann nicht nicht lieben. Er tut es, oder nicht. Und zwar solange, wie es dauert.

Wenn wir die beiden hier vorgestellten Ehekonzepte – erotisch vs. konventionell – im Hinblick auf das zeitliche Ziel vergleichen, so können wir feststellen, dass der Idee der Ewigkeit das Modell der Lebenslänglichkeit gegenübersteht. Und letzteres erinnert dem Wort nach nicht zufällig an eine Gefängnisstrafe ...

Wie gefangen wir oftmals in den gesellschaftlichen Fesseln einer Ehe sind, zeigt „Gone Girl“ wie vielleicht kein zweiter Film. Kurz zum Inhalt: Amy Dunne, grandios gespielt von Rosamund Pike, ist zunächst eine perfekte New Yorkerin: schön, klug, reich. Sie heiratet Nick (Ben Affleck), einen typischen amerikanischen „boy next door“, der den fatalen Fehler begeht, seine Frau zu betrügen. Amy, die ihre Eltern zu der Kinderbuchreihe „Amazing Amy“ inspirierte und somit von klein auf mit einem fiktiven perfekten alter ego konkurrieren musste, hat, nun ja, eine gewisse psychopathische Ader. Von der Wirtschaftskrise in die Arbeitslosigkeit und aus familiären Gründen nach Missouri getrieben, langeweilt sie sich und heckt einen fies-genialen Plan aus, um sich an Nick zu rächen. Ihr Mann, der ihr nicht mehr zu Füßen liegt, soll zu Kreuze kriechen. Dafür täuscht sie ihren Tod vor und lässt nichts unversucht, um die Schuld ihrem Ehemann anzuhängen. Alles klar? Was extrem klingt, ist deutlich nachvollziehbarer, wenn wir uns in Erinnerung rufen, was wir tagtäglich dafür tun, um die Illusion einer perfekten Beziehung aufrechtzuerhalten. Gewiss, wir lassen uns vielleicht nicht verschwinden, aber im Grunde genommen sterben wir oftmals metaphorische Tode, indem wir ständig so tun als ob, unsere eigene Natur verleugnen, um Erwartungen gerecht zu werden, und wir irren zudem gewaltig, wenn wir denken, wir hätten den Hauch einer Ahnung, wie es um die Beziehungen unserer Freunde und Bekannten wirklich steht.

Das Wichtigste gleich vorneweg: Es geht uns auch nichts an. Die Liebes- und Intimbeziehungen anderer sind privat, und selbst wenn uns diese durch Erzählungen Einblick geben, so dürfen wir nicht vergessen, dass deren Berichte Momentaufnahmen sind und die Menschen dazu neigen, das Extreme zu kommunizieren, das Normale jedoch nicht einmal zu erwähnen. Wir alle sind unzuverlässige Erzähler und als Paartherapeuten ohnehin maximal unzulässig (über den Sinn von Paartherapien lässt sich sowieso streiten). So nett es ist, dass seit „Sex & the City“ beim Mittagessen über Orgasmen, Intimrasuren und Sexstellungen geredet werden darf, unsere vermeintliche Offenheit sagt dennoch nichts über unsere emotionalen Bindungen aus. Warum? Weil das, was zwischen zwei Menschen ist, letztlich nur von diesen beiden Menschen selbst beurteilt werden kann. Weil sich Gefühl nur bedingt verbal kommunizieren lässt. Weil Worte niemals unser Innerstes adäquat beschreiben können, was schon so manchen Dichter in eine tiefe Sprachkrise gestürzt hat. Und selbst wenn jemand ein Sprachgenie ist und seine Liebe in Worten beschreiben kann, so bedeutet dies nicht, dass andere tatsächlich begreifen, was damit gemeint ist. Hingegen lässt sich beobachten, dass Liebende ihr eigenes Sprach- und Zeichensystem entwickeln, das nur sie zu decodieren imstande sind, sich also innerhalb eines eigenen Kommunikationskosmos verstehen, zu dem nur sie Zugang haben. Kurz: Erzählungen über die Liebe sind hochgradig fragil, die Sprache der Liebenden für Außenstehende unverständlich. Hinzu kommt der soziale Druck, dass eine Ehe zu funktionieren hat, was eine ehrliche Aussage darüber geradezu unmöglich macht. Bevor alle Mauern fallen, wird alles dafür getan, um die Fassade aufrecht zu erhalten. Dieser schöne Schein und dessen Fatalität ist eines der Hauptthemen in „Gone Girl“. Als das Eheglück Risse bekommt, handelt Amy Dunne, um die Dramaturgie ihrer Beziehung wieder nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Gewissermaßen schreibt sie ein Skript für ihre Ehe – und wehe, ihr Mann spielt die für ihn vorgesehene Rolle nicht. Wenn Shakespeare einst erkannte, dass die ganze Welt eine Bühne ist und wir alle nur Schauspieler sind, so bestätigt „Gone Girl“, dass diese Theatermetapher insbesondere in der Liebe zutrifft. Kaum eine soziale Rolle ist so wohldefiniert wie die der Ehefrau – und noch immer scheint es so, als würden Mädchen von klein auf auf diese Rolle vorbereitet. Aber auch davon abgesehen spielen wir zahlreiche Rollen, um unserem Partner zu gefallen, so zum Beispiel die Rolle des coolen Mädchens, die Amy ausführlich erläutert:

„Das ist immer das tollste Kompliment, das die Männer einem machen, oder nicht? ‚Sie ist cool. Ein echt cooles Mädchen.‘ Wenn ich die Coole bin, dann bin ich eine begehrenswerte, geistreiche, witzige Frau, die Videospiele spielt, billiges Bier trinkt, flotte Dreier und Analsex mag, sich Hotdogs und Hamburger in den Mund stopft, als veranstalte sie der Welt größtes kulinarisches Rudelbumsen, wobei sie aber stets Größe 34 behält, denn Cool Girl ist vor allem heiß. Begehrenswert und verständnisvoll. Cool Girl wird niemals wütend, sie lächelt nur betrübt und liebevoll und lässt ihren Kerl ansonsten tun, was er will. Nur zu, scheiß auf mich, macht mir nichts, ich bin Cool Girl.”

Das coole Mädchen scheint also sämtliche Männerträume zu erfüllen: Es ist locker, entspannt, lässt dem Mann sämtliche Freiheiten und ist dabei insbesondere eines: hot hot hot. Die Tragik an diesem Weiblichkeitskonzept ist jedoch: Es ist reine Fiktion, aufrechterhalten von einem gut funktionierenden System der Verstellung, das insbesondere von Frauen selbst vorangetrieben wird. Oder wie Amy präzisiert: „Männer glauben tatsächlich, dass dieses Wesen existiert. Vielleicht lassen sie sich dadurch zum Narren halten, weil so viele Frauen bereit sind, diese Rolle zu spielen.”

Warum aber sind so viele Frauen bereit, sich für den Mann zu verstellen? Weil Frauen, was die Liebe angeht, oftmals eine masochistische Ader haben – sie sind bereit, für diese alles zu tun, auch sich selbst aufzugeben und zu verleugnen. Die Künstlerin Soko singt in ihrem Lied Keaton’s Song: „I’m trying to kill the worst of me to be the best for you.“ Besser kann man das, was viele tun, nicht formulieren – während jahrzehntelang die Unterdrückung der Frau moniert wurde, haben wir übersehen, dass ein großer Teil der Misere die weibliche Selbstunterdrückung ist. Niemand beäugt sich kritischer, ja geradezu böswilliger, als Frauen untereinander. Und vieles tun sich Frauen selbst an – zum Beispiel, wenn sie eben vorgeben, eine Art Frau zu sein, die ihr Partner vermeintlich mehr begehrt als ihr wahres Ich. Natürlich ist die Wurzel des Übels ein gesamtgesellschaftliches Problem. Frauen wollen gefallen und zwar deshalb, weil sie seit ihrer Kindheit dafür belohnt werden, wenn sie schön, brav und lieb sind. Mädchen werden dafür gelobt, wenn sie sich fügen und jeder weiß, dass Lob ein mächtiges Erziehungsinstrument ist, das sich in unserem Unterbewusstsein manifestiert. Uns werden, ganz im Sinne der Konditionierung, Handlungsmuster antrainiert, Muster, die wir auch in unserem Erwachsenenleben kaum mehr ablegen können. Wir sind nicht frei. Schon gar nicht, wenn uns unsere Freundinnen von ihren schönen Kindern oder ihrem tollen Mann erzählen. Nochmals: Frauen untereinander können grausam zueinander sein. Sie wetteifern. Sie wollen nicht nur für ihren Mann, sondern auch vor allen anderen Frauen die Schönste im Land sein. Sie wollen schlanker als die anderen sein und ihre Kinder sollen klüger und schöner als die ihrer Freundinnen sein. Sie beobachten sich mit Adleraugen – gewissermaßen durch den männlichen Blick selbst, der sich gesellschaftlich als der dominante, ja leitkulturelle etabliert hat. Sie beurteilen sich nach dem männlichen Maßstab des Begehrens: Welche aus der Runde ist die Begehrenswerteste? Welche würden alle Männer wählen?

Im Falle von „Gone Girl“ ist klar, dass Amy eine solche begehrenswerte Top-Frau ist, die alle anderen sofort in den Schatten stellt. Amy hat Flair, Präsenz, sie hat eine Aura der Überlegenheit. Dumm nur, dass ihr eigener Mann das nicht mehr anzuerkennen weiß. Und weil Amy sich das nicht gefallen lässt, handelt sie. In dieser krassen Radikalität ist Amy zu bewundern – so extrem, so pathologisch ihr Charakter ist, so faszinierend ist sie als Figur, die im Reigen der fiktiven Frauencharaktere ganz oben mitspielt. Ihr Problem ist nun, dass sie zwar bereit ist, die Rolle der perfekten Ehefrau zu spielen, ihr Mann jedoch abtrünnig geworden ist. Das ist das Problem in Beziehungen allgemein: Das Verhalten des anderen lässt sich nicht steuern. Amy aber gibt sich nicht geschlagen. Denn nach dem Seitensprung sieht ihr Skript für ihren Mann die Rolle des reuigen Sünders vor. Als er in einer Fernsehshow schließlich seine Schuld eingesteht und die Liebe zu seiner Frau beteuert, stellt sich bei Amy, inzwischen untergetaucht und optisch verändert, so etwas wie Genugtuung ein. Dass alles nur Pose ist, stört sie dabei wenig. Sie selbst ist ja nichts als eine Kunstfigur, die eine erfundene Version ihres Ichs schauspielert.

„Gone Girl“ treibt die Farce dieser Ehe schließlich auf die Spitze, als sich Amy am Ende – ohne die Kenntnis ihres Mannes – mit seinem seit längerem eingefrorenen Sperma befruchten lässt. Aus Verantwortung für das ungeborene Kind fühlt sich Nick nicht mehr imstande, seine Frau zu verlassen. Er ist nun endgültig in den Fesseln der Ehe gefangen. So kapituliert er mit den Worten: „Ich gehörte Amy für immer – oder jedenfalls, solange sie mich wollte –, denn ich musste meinen Sohn retten, musste versuchen, alles, was Amy tat, auszuhebeln, zu glätten, geradezurücken, richtigzustellen. Ich würde regelrecht mein Leben für mein Kind geben, und das mit Freuden.“

Dabei definiert „Gone Girl“ die Grausamkeit als fundamentalen Bestandteil der Ehe. So beginnen Buch und Film zugleich mit Nicks Phantasie, den schönen Schädel seiner Frau zu öffnen: „Wenn ich an meine Frau denke, fällt mir immer ihr Kopf ein. Seine Form, um genau zu sein. [...] Wie ein Kind male ich mir aus, wie es wäre, ihren Schädel zu öffnen, das Gehirn aufzuribbeln und zu erforschen, ihre Gedanken einzufangen und zu studieren. Woran denkst du Amy? Die Frage, die ich in unserer Ehe am häufigsten gestellt habe, wenn auch nicht laut und nicht der Person, die mir hätte antworten können. Vermutlich hängen solche Fragen wie Gewitterwolken über jeder Ehe: Woran denkst du? Wer bist du? Was haben wir einander angetan? Was werden wir noch tun?“

Die Frage, warum wir einander innerhalb einer Ehe Schmerz zufügen, lässt sich indes leicht beantworten: Weil wir es können. Weil wir wissen, dass uns der andere erstmal angetraut bleibt, egal was wir ihm antun. Weil wir uns in Sicherheit wähnen und uns der andere selbstverständlich wird, weil wir diesen scheinbar nicht verlieren können. Und diese Selbstverständlichkeit des anderen ist über die Maßen problematisch, denn sie lässt uns vergessen, dass Liebe ein Geschenk ist, für das wir dankbar sein sollten. Wir aber neigen dazu, einen Partner, der lange an unserer Seite ist, nicht mehr mit der Demut zu behandeln, die ihm zusteht. Selbst wenn wir uns lieben, behandeln wir uns irgendwann wie Dreck, und selbst wenn wir uns ankotzen, bleiben wir aufeinander kleben. Ist das krank? Ja.

Pathologien der Liebe sind vielleicht nirgendwo so sehr zu finden wie in Ehen. Hinter dem Bund fürs Leben schlummert die Gefahr, trotz ständiger Verfügbarkeit des Ehepartners unbefriedigt zu sein. Wir können auch formulieren: Aufgrund der ständigen Verfügbarkeit des anderen bleiben wir oftmals unbefriedigt. Das liegt zum einen in der Natur des Begehrens selbst, das das Defizit braucht, um zu entstehen. Unwahrscheinlich, dass Sie Sehnsucht nach Ihrem Partner empfinden, wenn dieser neben Ihnen liegt. Zum anderen ist die Ehe zwangsläufig an das Monogamiegesetz gekoppelt: Moralisch korrekt ist es, nur den eigenen Ehepartner zu begehren und zu begatten. Dabei impliziert dieses Verbot per se ein sexuelles Erregungspotential – wer nicht darf, der will, zumindest oftmals umso schneller. Bei über sieben Milliarden Menschen weltweit ist es relativ naiv zu glauben, dass wir nur auf einen einzigen sexuell reagieren. Ob diese Erregung dann ausgelebt wird oder gar ausgelebt werden muss, ist eine völlig andere Sache. Sie darf aber sein – und dies sollten wir uns erlauben. Unser Begehren lässt sich nicht einsperren. Gestehen wir uns das zu, ohne Zwang, ohne Druck, ohne Verurteilung. Wir dürfen lieben und begehren – wen auch immer, wann auch immer, wie lange auch immer.

In „Gone Girl“ kommt noch ein weiterer Punkt zum Tragen: Es ist letztlich auch eine katastrophale Romanze, eine Abhandlung darüber, dass die Liebe das Extreme sucht und das Extreme eine Liebe über die Durchschnittlichkeit erhebt und dass eine extreme Liebe zwar nicht gesund sein mag, jedoch faszinierend und inspirierend ist. Amy macht etwas, das wohl kaum jemand von uns tut: Sie mordet – wie sie selbst sagt: für ihren Mann. Das kommt so: Amy findet bei einem früheren Verehrer, Desi, Unterschlupf. Das war so nicht geplant, sondern ergibt sich aus der Not heraus: Amy wird während ihrer Flucht ausgeraubt. Ohne Geld lässt es sich nur schlecht leben und so landet sie bei Desi, den sie schließlich kurzerhand umbringt, um zu ihrem Mann zurückkehren zu können. In ihrer Version der Geschichte hatte Desi sie entführt und vergewaltigt und als sie schließlich blutverschmiert in Nicks Arme sinkt, ist ihre Performance so theatralisch-perfekt, dass man fast applaudieren möchte. Wow, ist das krank. Wow, ist das genial. Denn auf ihre ganz eigene Art, sind Amy und Nick ein im Hass vereintes Paar. So beschimpft Nick seine Frau als „kleinkarierte, selbstsüchtige, manipulative, disziplinierte Psycho-Schlampe”. Sie aber schleudert ihm entgegen, dass sie die Schlampe sei, die ihn besser, die ihn zu einem Mann mache, ja dass er ohne sie nicht mehr sein könne, dass sie für ihn getötet habe und wer bitte könne das schon behaupten?

Ist so – toxisch, schmerzerfüllt, sado-masochistisch – die Ehe?

Vielleicht ja. Vielleicht aber auch nein. Denn wir dürfen die Chance nicht vertun, die Ehe zu unserem eigenen Konzept zu machen. Paarintern zu reflektieren, was Ehe für uns individuell bedeutet. Einfach zu heiraten und sich in diesem Status quo auszuruhen, ist so sexy wie ein Kerl mit löchrigen Socken. Die Ehe aber als Möglichkeit anzusehen, die eigenen emotionalen und sexuellen Bedürfnisse gemeinsam innerhalb eines geschützten Raumes zu erfüllen, ist gewinnbringend. Wir müssen lernen, über diese Bedürfnisse zu sprechen, und wir sollten auch die Scheu davor ablegen, über die Ehe selbst zu sprechen, über unsere Erwartungen, Sehnsüchte und Ängste. Wir dürfen – auch ohne Ehevertrag – verhandeln und zwar darüber, was für uns ok ist und was nicht, was wir ertragen und was nicht, was wir wollen und was nicht. Denn wenn wir das nicht tun, nur auf das konventionsbedingte Funktionieren der Ehe bauen, dann können wir es mit „Herr der Ringe“ halten und sagen, dass der Ring an unserem Finger vor allem eines ist: ein Ring, uns zu knechten.

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