Bea Petersen

"Haare lassen müssen" - Was Redensarten über Krankheiten erzählen

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"Haare lassen müssen" - Was Redensarten über Krankheiten erzählen

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Haarausfall als Stress-Reaktion?

Wenn man Nachteile in Kauf nehmen muss, dann sagt man, dass man Haare lassen muss. Stresserzeugende Situationen können auch körperliche Auswirkungen haben. Zum Beispiel Haarausfall. Haare zu verlieren ist je nach Lebensphase normal. Denn jedes Haar hat nur eine begrenzte Lebensdauer. Dafür wächst ein neues Haar nach. 

Doch wenn täglich mehr als 100 Haare verloren gehen, dann kann man von Haarausfall sprechen. Wenn diese Phase anhält, dann kann es zu Haarlosigkeit (Alopezie) kommen. Auch diese kann vorübergehend sein. Wenn allerdings die Haarwurzeln unwiderruflich geschädigt wurden, zum Beispiel durch Verbrennungen oder Krankheiten mit vernarbendem Haarausfall, dann wachsen an der Stelle keine neuen Haare mehr. 

Vererbter Schönheitsmakel Haarausfall

Wenn der Vater schon in frühen Jahren seine Haarpracht verloren hat, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass der Sohn ebenfalls davon betroffen ist.

Das Sprichwort, dass Kinder einem die Haare vom Kopf fressen, hat hiermit nichts zu tun. Woher die Redewendung kommt, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Mit 95% bei Männern und Frauen ist die sogenannte androgenetische Alopezie die häufigste Form von Haarausfall. Krankhaft ist diese Form von Haarausfall jedoch nicht. Daher übernehmen die Krankenkassen dafür auch keine Kosten für die Behandlung. 

Die Ursache für den Haarausfall bei Männern ist ein fortschreitendes Schrumpfen von Kopfhaarwurzeln, die überempfindlich auf das männliche Geschlechtshormon Dihydrotestosteron reagieren und keine kräftigen Haare mehr bilden. die Bluthormonwerte sind dabei normal. Bei Frauen ist unklar, ob das Hormon eine Rolle spielt. 

Um sicher zu gehen, ob es sich um vererbten Haarausfall handelt, ist ein Besuch beim Hautarzt/Dermatologen sinnvoll, der sich jedoch mit dem Hausarzt und gegebenenfalls dem Frauenarzt oder Kinderarzt abstimmen sollte. 

Haarausfall kann viel später als ein auslösendes Ereignis passieren. Daher macht es Sinn, sich vor dem Besuch beim Arzt Gedanken zu machen, welche Ereignisse oder Symptome eine Rolle spielen könnten. Das kann eine Umstellung in einer Medikation sein, Juckreiz oder Nagelveränderungen können eine Rolle spielen, Veränderungen in den Lebensumständen können für die Diagnose wichtig sein - Viele Faktoren sind zu beachten. 

Sich selbst Aufmerksamkeit zu schenken und Veränderungen wahrzunehmen hilft, den Moment der Unsicherheit zu überwinden und mit dem Arzt in einen Dialog zu treten, der eine gute Diagnose möglich macht. Auch bei erblichem Haarausfall gibt es Therapiemethoden, die den Verlust der Haare aufhalten oder einschränken können. Je gezielter die Therapie ist, desto besser kann sie wirken. Dafür ist die Wahrnehmung der Veränderungen im Körper und im Leben eine wichtige Voraussetzung. Ihr Arzt hat so die Möglichkeit, eine möglichst umfassende Anamnese zu machen. 

Kahle Stellen am Kopf - Wer frisst mir die Haare vom Kopf?

Über eine Million Menschen leiden in Deutschland an kreisrundem Haarausfall, hauptsächlich erkranken Kinder und junge Menschen daran, seltener tritt Alopezie jenseits des 30. Lebensjahres auf. Die sogenannte Alopecia areata ist eine Autoimmunerkrankung. Dabei wird das körpereigene Gewebe angegriffen, hier Haarwurzeln an der Kopfhaut, manchmal auch an anderen behaarten Köperstellen. 

Einerseits kann es zu lange anhaltendem, völligem Haarverlust kommen. Andererseits schließen sich bei über 80 Prozent der Betroffenen die kahlen Stellen irgendwann wieder. Dazwischen gibt es alle möglichen Varianten. Das Krankheitsbild verläuft also unberechenbar.Auch die Nägel können betroffen sein. Selten können bei einem akuten "Schub" Lymphknoten hinter den Ohren anschwellen.

Frauen haben in jedem Alter häufiger mit kreisrundem Haarausfall zu tun als Männer. Tritt bei einem Kind plötzlich ein Haarverlust auf, was keineswegs "normal" ist, muss es gründlich untersucht werden, um die zugrundeliegende Ursache, beispielsweise Alopecia areata zu diagnostizieren und zu behandeln. 

Autoimmunerkrankungen können durch verschiedene Therapieformen behandelt werden. Eine mögliche unterstützende Therapie ist die Psychoneuroimmunologie. 

Stressfaktoren können eine Rolle spielen. Bei Kindern und Jugendlichen spielen Entwicklungsthemen, aber auch Schulstress und anstrengende Familienverhältnisse eine Rolle. 

Woher jedoch die Assoziation mit der Redensart "Die Haare vom Kopf fressen" kommt? Viele Haare zu haben war und ist gleichbedeutend mit Fruchtbarkeit, Schönheit und Jugend. Eine alte Redensart für Reichtum war "viele Haare auf dem Kopf haben". Der Verlust von Fülle und Reichtum erzeugt Stress und Ängste. 

Ursache und Wirkung lassen sich bei dieser Weiterentwicklung der Redensart nicht unabhängig voneinander betrachten. Diagnostisch spielen ebenfalls viele Faktoren eine Rolle, die auf den ersten Blick gar nichts mit dem Krankheitsbild zu tun haben. 

Sich selbst wahrzunehmen liefert wertvolle Hinweise für eine gute Diagnose. Das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Gespräch ist eine wichtige Voraussetzung für ein gute Diagnose. Sich selbst oder seinem Kind gut zuzuhören, ist dafür eine sehr wichtige Grundlage. 

Diffuser Haarausfall - Wenn das Haar dünn wird

Dünnhäutig zu werden bedeutet eine steigende Empfindlichkeit. Ausdünnende Haare, die nicht mit der Dicke der Haare, sondern der Fülle zu tun haben, sprechen auch davon, dass sich Belastungen körperlich zeigen.

Wenn mehr Haare als gewöhnlich über den ganzen Schopf verteilt ausgehen, spricht das für einen diffusen Haarausfall. Nach einer Schwangerschaft kommt das zum Beispiel häufiger vor.

Auch unter Hormonbehandlungen, etwa mit bestimmten Anti-Baby-Pillen oder bei einer Hormontherapie in den Wechseljahren, kann die Haardichte insgesamt spürbar nachlassen – je nach Präparat eher zu Beginn der Einnahme oder nach dem Absetzen.Zu den wichtigen Ursachen eines diffusen Haarausfalls gehören außerdem Funktionsstörungen der Schilddrüse und Eisenmangel. Einige Medikamente können das Haar ebenfalls dünner werden lassen. Ein Einfluss von Stress auf das Haarwachstum wird diskutiert.

Die Therapie richtet sich nach dem Auslöser. Falls möglich, wird man eine bekannte Ursache natürlich beheben. Hat der Arzt zum Beispiel ein mutmaßlich verantwortliches Medikament dingfest gemacht und abgesetzt (ohne Absprache mit ihm sollte man das nicht tun!), muss mindestens über drei Monate beobachtet werden, ob das Haar sich verbessert. Auch in anderen Fällen besteht die Therapie häufig darin, einige Monate abzuwarten und die Entwicklung zu beobachten. Eine Haartransplantation ist bei diffusem Haarausfall nicht angezeigt.

Diffuser Haarausfall (als sogenanntes telogenes Effluvium) betrifft Frauen in größerem Umfang als Männer. Je nach Ursache können auch Kinder erkranken.

Was sind die Gründe für Haarausfall?

Verschiedene Untersuchungen können helfen, diese Frage zu beantworten.

Blickdiagnose des Hautarztes: Häufig verweisen das Muster des Haarausfalls und das Aussehen der kahlen Haut bereits auf die Diagnose. Eventuell setzt der Arzt dabei auch eine Lupenleuchte (Dermatoskop) ein. Das Gerät erlaubt eine mehrfach vergrösserte Ansicht der Haut.

Manchmal sind zusätzliche Untersuchungen nötig, zum Beispiel eine Blut- oder Haaranalyse, seltener eine Kopfhautbiopsie.

Dann wird sich der Mediziner die Haare und ihr Verteilungsmuster, die Nägel und die Kopfhaut sorgfältig anschauen und beurteilen, ob eine Hautkrankheit vorliegt, ob die Nägel mitbetroffen und ob die Haare nur an bestimmten Stellen oder diffus über den ganzen Kopf verteilt gelichtet sind.

Auch das übrige Körperbehaarungsmuster wird der Arzt überprüfen. Bei einer orientierenden körperliche Untersuchung lassen sich eventuell weitere Krankheitszeichen finden, etwa angeschwollene Lymphknoten am Hals, wie sie zum Beispiel bei Kopfpilz auftreten können.

Zupftest: Eventuell testet der Hautarzt, wie viele Haare sich bereits durch leichtes, schmerzloses Zupfen lösen (Zupf-, Pull-, Epilations- oder Extraktionstest). Wenn der Arzt beim Testen eines Patienten mit frisch gewaschenen Haaren von etwa 60 erfassten mehr als zehn lose Haare in der Hand behält, deutet das auf einen aktiven Haarausfall hin.

Er untersucht außerdem, ob auf der haarlosen Kopfhaut noch Poren der Haarbälge (Haarfollikel) erkennbar sind. Der Haarverlust verläuft dann nicht vernarbend. Das deutet darauf hin, dass die Haare im Prinzip wieder nachwachsen könnten.

Mikroskop: Gegebenenfalls betrachtet der Hautarzt einzelne Haare unter dem Mikroskop und beurteilt ihre Struktur, etwa ob er Anagen- oder Telogenhaare oder abgebrochene Haare vor sich hat.

Die mikroskpische Haarwurzelanalyse heißt auch Trichogramm. Sie zeigt zum einen, welcher Anteil der Haare sich gerade im Wachstum befindet, ob zum Beispiel ungewöhnlich viele Haare ihr Wachstum eingestellt haben. Normalerweise wachsen 80-90 Prozent der Haare aktiv und weniger 10 bis 20 Prozent ruhen. Zum anderen kann der Arzt Haarwurzeln und Haarschäfte genauer beurteilen.

Anhand des Trichogramms lässt sich der Anteil an Haarverlust und die Haarwachstumskapazität prognostisch einschätzen. Für die Untersuchung werden etwa 50 bis 100 Haare in unterschiedlichen Bereichen der Kopfhaut (vergleichshalber) ausgezupft. Das ist etwas unangenehm, diese Haare wachsen aber wieder nach.

Damit die Untersuchung eine gute Aussagekraft hat, sollte sich der Patient in diesem Fall vier bis fünf Tage vorher das letzte Mal die Haare gewaschen haben.

Phototrichogramm: Hierfür wird keine Haarprobe benötigt, sondern die Haare werden an ein oder zwei, möglichst unauffälligen Stellen abgeschnitten. Diese Areale werden dann tätowiert und mit einer Kamera fotografiert. Drei Tage später werden dieselben Stellen wieder fotografiert und die Bilder werden verglichen. Die Untersuchung erlaubt eine genaue Bestimmung von wachsenden und ruhenden beziehungsweise ausfallenden Haaren und wird häufiger in Studien eingesetzt. Die Haarwurzeln lassen sich damit nicht beurteilen.

Trichoscan: Weiterentwicklung des Phototrichogramms. Das Areal mit den abgeschnittenen Haaren wird drei Tage später angefärbt und mit einer Digitalkamera in mikroskopischer Vergrößerung (Auflichtmikroskopie) fotografiert. Ein Computer analysiert die Aufnahmen und gibt Auskunft über die Zahl und den Prozentsatz der Haare in den verschiedenen Wachstums- und Zyklusphasen. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen die Untersuchung im Alllgemeinen nicht.

Spezielle Untersuchungen bei Haarausfall:

Erregerkultur: In unklaren Fällen kann eine Erregerkultur aus Abstrichen von Haaren oder Haarstümpfen aus einem erkrankten Bereich weiterhilfen. Sie dient zum Beispiel zum Nachweis einer Pilzerkrankung der Kopfhaut. Bis das Ergebnis vorliegt, dauert es allerdings einige Wochen.

Gewebeprobe aus der Kopfhaut: Um zu einer Diagnose zu kommen, ist mitunter die Untersuchung einer Gewebeprobe der Kopfhaut, eine Kopfhautbiopsie, eventuell auch in einem spezialisierten Zentrum, notwendig. Die Entnahme erfolgt mit örtlicher Betäubung unter sterilen Bedingungen. Sie wird vor allem bei narbigen Alopezien oder bei unklaren nicht narbigen Alopezien angestrebt.

Spurensuche im Blut: Vermutet der Mediziner Krankheiten oder Mangelerscheinungen als Ursache, können weitere Untersuchungen sinnvoll sein. So lassen sich mit einer Blutuntersuchung zum Beispiel Eisen-, Schilddrüsen- oder Entzündungswerte und krankhafte Immunphänomene erkennen und die Ergebnisse möglicherweise eine Erkrankung aufdecken.

Eine Untersuchung der Geschlechtshormonspiegel bei Frauen ist nur bei Verdacht auf eine androgene Alopezie, zum Beispiel wegen sichtbar verstärkter Vermännlichungszeichen wie männliches Haarverteilungsmuster, sinnvoll.

Was kann ich tun? Was ist der richtig Weg?

Haarausfall kann viele Ursachen haben. Manchmal steckt eine Krankheit, zum Beispiel eine Hormonstörung oder Blutarmut bei Eisenmangel dahinter – Ursachen also, die gezielt zu behandeln sind. Auch kann eine Form des Haarausfalls eine andere überlagern. Deshalb ist ein Arztbesuch immer ratsam. Oftmals gilt auch: Zeit ist Haar. Je früher also die richtige Diagnose gestellt und eine Therapie begonnen wird, desto größer ist die Chance, möglichst viele Haare zu "retten" und zu erhalten. Etliche Kliniken und niedergelassene Ärzte bieten heute spezielle Haarsprechstunden an.

 

Am wichtigsten ist es, nicht in einen Angstzustand zu geraten, sondern ruhig zu überlegen, welche Veränderungen es im Leben gegeben hat, welche Veränderungen der Körper durchlaufen hat. Es ist wichtig, sich auf die Wahrnehmung zu konzentrieren und nicht zu viel über mögliche "Worst Case" Szenarien nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit, eine Therapieform zu finden, die hilft, ist um so größer, je deutlicher die Form des Haarausfalls diagnostiziert wird und je mehr Informationen vorliegen, um die Therapie zielgerichtet einzusetzen. 

Eine Erkrankung wird häufig als Störfaktor gesehen. Als zusätzliche Belastung. Zeitlich, Psychisch. Das ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen.

Eine Erkrankung kann man auch als eine Kommunikationsform des Körpers sehen. In den Dialog mit dem eigenen Körper zu treten, hilft den Verlauf der Therapie so zu gestalten, dass er wirksamer und damit zeitlich und psychisch weniger belastend verläuft und dazu beiträgt, den Gesundungsprozess als Gewinn zu betrachten.

Je bewusster ein Mensch sich wahrnimmt, um so besser entwickelt sich die Intuition. Diese Informationen können helfen, einen effizienten Weg bei der Diagnosefindung zu gehen. 

 

 

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