Ellis Huber

Lasst uns Kathedralen der Menschlichkeit errichten

Gesundheit

Die Kathedrale gab der Sozialen Gemeinde Identität und Sinn und gemahnte alle dazu, den kollektiven Zusammenhalt des Gemeinwesens über die individuellen Interessen des einzelnen zu stellen.

Baut Kathedralen

Lasst uns Kathedralen der Menschlichkeit errichten

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Gesundheit

Ellis Huber

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Heilsame Welt?

Radio 39 kooperiert mit den Betriebskrankenkassen. Die BKK und Radio 39 vertreten Werte, die ein "Gemeinsam" erst möglich machen. 

 

 

 

Die Welt ist nicht gesund, weder die große, in der Nationen miteinander verkehren, noch die kleine, in der die einzelnen Menschen versuchen, ihr individuelles Leben zu meistern. Daniel Goeudevert, erfolgreicher Topmanager in der Automobilindustrie, zieht aus seiner Erfahrung ein ernüchterndes Resümee: "Der moderne Kapitalismus ist verrückt geworden. Er ist außer Rand und Band geraten, und das Elend - überwiegend psychisches auf der Nordhalbkugel, überwiegend physisches auf der Südhalbkugel -, das auf dem Bodensatz seiner Skrupellosigkeit gedeiht, ist zum Erbarmen."

Es ist schon zum Verzweifeln. Mehr als zehn Millionen Kinder sterben jährlich in den armen Ländern des Globus aufgrund von vermeidbaren Krankheiten, das sind über 25.000 Menschen pro Tag. An Mangelernährung leiden weltweit über 150 Millionen Kinder. In Asien und Afrika werden jährlich rund 1,2 Millionen Kinder als billige Arbeitskräfte oder Prostituierte verkauft, 300.000 als Kindersoldaten missbraucht und rund 100 Millionen Mädchen und Jungen müssen sich weltweit auf der Straße alleine durchschlagen. Die Berichte von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen sprechen die unheilvolle Situation immer wieder aus. Täglich infizieren sich 7000 junge Menschen mit dem HIV-Virus, 3,2 Millionen Kinder unter 15 Jahren sind positiv. Und in den Industrieländern sterben jährlich rund 3.500 Kinder unter 15 Jahren an den Folgen körperlicher Misshandlung und Vernachlässigung. Das ist die Spitze eines Eisberges von Not und Leid, dem Kinder ausgesetzt sind. Über drei Millionen Fälle von nicht tödlicher Kindesmisshandlung gelangen in den USA jährlich zur Anzeige, die Dunkelziffer ist hoch. Kleine Kinder sind besonders gefährdet. In Deutschland und England sind es zwei Todesfälle jede Woche, in Frankreich drei, in Japan vier und in den Vereinigten Staaten von Amerika siebenundzwanzig. Länder mit hohen Todesraten durch Kindesmisshandlung weisen auch hohe Mordraten bei Erwachsenen auf, denn das Elend der Kinderwelten spiegelt nur das Elend des Erwachsenenlebens.

Krieg, Terror, Gewalt und Verbrechen verbreiten globale Angst und Unsicherheit. Armut, Arbeitslosigkeit, soziale wie materielle Verelendung nehmen zu und doch ist die Welt so reich wie nie zuvor in der Geschichte.

Das Zeitalter der Kathedralen

Wir erlebten vor fünfzehn Jahren ein zweites Millennium und sind in ein neues Jahrtausend aufgebrochen. Vor tausend Jahren begann diese neue Zeit mit großen Katastrophen, Feuersbrünsten, Hungersnöten und Epidemien. In der Bevölkerung von Europa kursierten ähnliche Ängste wie heute: Angst davor, was die Zukunft bringt und vor Bedrohungen, die alle Menschen verunsicherten. Fundamentalisten traten auf. Kirche und Staat zeigten sich unsicher und zerbrechlich. Es war prophezeit worden, das Ende des ersten christlichen Jahrtausends werde auch das Ende der Welt sein. Als der kritische Zeitpunkt und die Jahre danach aber ohne die allgemein erwartete Sintflut vorüberging, atmete ganz Europa erleichtert auf und die Menschen waren dankbar und für neue Ideen und Orientierungen empfänglich.

Einige wenige Jahre nach dem ersten Millennium kam in Europa die Zeit der Kathedralen. "Damals wie jederzeit gab es Menschen, die der Bau einer Kathedrale gleichgültig ließ: Puritaner missbilligten die verschwenderische Ausschmückung, Ketzer wollten nichts von Kirchen wissen. Dennoch waren Kirchen und Kathedralen in besonderer Weise Schöpfungen der Städte, die sie schmückten, der Gemeinden, deren Mittelpunkt sie bildeten, der Gesellschaft, deren Gemeinschaftshaus sie waren: eine erstaunliche Zusammenballung von Kräften in einer Welt, in der noch alle Länder Entwicklungsländer waren. (...) Die Kirchen und Kathedralen wurden gebaut, um allen Gesellschaftsschichten ein gemeinschaftliches Heim zu schaffen." Sie waren also öffentlicher Ort, wo politische Macht und religiöse Orientierung, Staat und Kirche, aber auch die Bürgerschaft und die Wirtschaft, arme und reiche, alte und junge Menschen zusammenkamen, um über ihre öffentlichen Angelegenheiten zu verhandeln.

Die Kathedrale gab der Sozialen Gemeinde Identität und Sinn und gemahnte alle dazu, den kollektiven Zusammenhalt des Gemeinwesens über die individuellen Interessen des einzelnen zu stellen. Die mittelalterliche Kathedrale war nicht nur ein Ort der Andacht. In ihren Mauern spazierten die Leute, sie plauderten miteinander, Liebespaare trafen sich, man schlief und aß in der Kirche und hielt Gemeindeversammlungen ab. Die Kathedrale war Schauplatz von Rechtshändeln, Disputationen, Examensfeiern, Theateraufführungen und allen möglichen Geschäften. Nur sechstausend Einwohner zählte die Stadt Freiburg als diese das Freiburger Münster errichteten.

"Die schwindelerregenden hohen, deckenlastfreien Räume, die lichtdurchfluteten Fensterwände gotischer Dome müssen den Zeitgeist förmlich elektrisiert haben, denn vom frühen 12. Jahrhundert an verbreitete sich diese Bau-Mode rasch über halb Europa. Mit ökonomischen Motiven allein ist die Gotik-Euphorie nicht zu erklären, vom adligen Auftraggeber bis zum handwerklichen Tagelöhner war jeder Kathedralenbauer davon überzeugt, am Abbild des himmlischen Jerusalems mitzuwirken, - an einer Gegenwelt zur alltäglichen Not des Mittelalters", schrieb Ulrich Deuter in einem Ausstellungstext.

Ein paar hundert Jahre genügten, um Europa mit großen Kirchen zu übersähen, in Frankreich entstanden achtzig Kathedralen und 500 andere monumentale Kirchenbauten. Die Namen vieler Städte lösen sofort die Erinnerung an das Bild ihrer Kathedralen aus: Albi, Amiens, Bourges, Canterbury, Chartres, Florenz, Mailand, Palma, Paris, Reims, Regensburg, Rouen, Salisbury, Sevilla, Siena, Straßburg, Ulm, Wien, York oder Köln. Die Kraft des Kathedralenbaus bündelte die Kreativität und Schaffenskraft vieler Bevölkerungskreise und ganzer Generationen über Jahrhunderte hinweg. Die Menschen hatten ein gemeinsames Ziel und Anliegen, das sie miteinander verband und das außerhalb der individuellen Interessen und Egoismen stand. Der Kölner Dom wurde im Jahr 1248 begonnen und erst 1880 vollendet. Seine endgültige Fertigstellung nach einem jahrhundertealten Baustopp mobilisierte im neunzehnten Jahrhundert eine nationale Dombaubewegung. Heinrich Heine rief zu Spenden auf und Dr. Karl Marx, damals noch Chefredakteur der Rheinischen Zeitung, machte zum Festtag eine Sondernummer.

Kölns ehemaliger Oberbürgermeister Konrad Adenauer hat die Doppelturmfassade der Kathedrale als Schwurhand gepriesen und der Kölner Willy Millowitsch sagt: "Der Dom ist mein Leben". Die letzte Kathedrale also, die fertig gestellt wurde, war der Kölner Dom als Nationalsymbol zu einer Zeit, als die Industriegesellschaft ihren Siegeszug längst begonnen hatte. Die Universitäten, die Rathäuser, die Bahnhöfe, die Kernkraftwerke oder die Einkaufszentren konnten nie den Platz erobern, den die Kathedralen für die gesellschaftliche Identität stifteten. Heute spürt die säkularisierte Gesellschaft ein Vakuum an gemeinschaftlicher Sinnfindung. Wie könnte es gelingen, neue identitätsstiftende Objekte zu bauen?

Räume für die Menschenwürde

Die Arbeit mit Not leidenden Patienten und die Sorge für Kranke vermitteln einen besonderen Kontakt zum Kern des Menschlichen. Ein neues Gesundheitssystem und vielfältige Wirkstätten der Nächstenliebe und des Humanismus könnten im jetzigen Jahrhundert die gesellschaftliche Funktion der Kathedralen übernehmen und die Häuser zur Ehre Gottes mit Häusern oder besser gesellschaftlichen Räumen für die Würde des Menschen ergänzen. Krankheit, Hinfälligkeit und Tod stellen die elementare Gefährdung des einzelnen Menschen dar, die ihm seine Bezogenheit auf die Mitmenschen sinnlich vermitteln. Daher besitzt das soziale und solidarische Gesundheitswesen in der Bevölkerung so viel Zuspruch. Menschlichkeit im Umgang mit Gesundheit und Krankheit und ein sozial gerechtes Gesundheitssystem führen die Gesellschaft zusammen.

Die Psychosoziale Gesundheit eines individuellen Menschen ist mit seinen sozialen Kontakten, der Qualität seiner Beziehungen verwoben.

Das Thema Gesundheit berührt den Kern des individuellen wie des gesellschaftlichen Wohls und die konkrete Umsetzung eines sozialen Gesundheitssystems dürfte für die Zukunft der entwickelten Industriegesellschaften insgesamt entscheidend werden. Nach übereinstimmenden Prognosen volkswirtschaftlicher Expertisen wird der gesundheitliche Dienstleistungssektor weiterwachsen und an Bedeutung zunehmen. Makroökonomische Experten prognostizieren, dass Psychosoziale Gesundheit zum Motor für das wirtschaftliche Wachstum in der postindustriellen Gesellschaft wird. Psychosoziale Gesundheit beschreibt dabei die Lebendigkeit menschlicher Netzwerke, das soziale Vertrauen und auf gegenseitigen Austausch begründete Beziehungsmuster, also auch eine humanistische Orientierung für die Gesetzliche Krankenversicherung. Die Psychosoziale Gesundheit eines individuellen Menschen ist mit seinen sozialen Kontakten, der Qualität seiner Beziehungen und mit gesellschaftlicher Kohärenz oder der Gesundheit des Gemeinwesens in kontinuierlicher Wechselwirkung verwoben.

Gegenwärtig versagen die Prinzipien des freien Marktes oder der staatlichen Fürsorge mit ihrer jeweiligen Organisationslogik vor der gesellschaftspolitischen Aufgabe, ein soziales Gesundheitswesen und eine menschliche Krankenversorgung für die Bevölkerung und den einzelnen Menschen zu realisieren. „Mehr Markt“ löst die vorhandenen Probleme der individuellen und sozialen Gesundheit ebenso wenig wie „mehr Staat“. Die Krise der Gesundheitssysteme zwingt die Gesellschaften zu neuen Lösungen jenseits von Staat und Markt.

Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft

Die Organisationskulturen von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft stehen immer in einem Spannungsverhältnis zueinander und bilden miteinander agierende Wirkkräfte für die gesellschaftliche Produktivität und die soziale Entwicklung. Die Gesundheit der Bevölkerung und die Ausgestaltung des Gesundheitswesens hängen also wesentlich davon ab, wie ausgleichend das Zusammenspiel von staatlicher Machtausübung, Geld gesteuertem Markt und sozialer Selbstorganisation gelingt. Das Gesundheitssystem wird so zum Schlüssel für die wirtschaftlich erfolgreiche und sozial attraktive Gesellschaft von morgen. Mit seiner Wirtschaftskraft, seinen humanen Werten und seiner sozialen Bedeutung könnte dieser Sektor am ehesten eine neue Balance zwischen Staat, Markt und Bürgergesellschaft herstellen.

Investitionen in die Gesundheit der Bürger sichern Human-Ressourcen und sie stärken die inklusiven und produktiven Kräfte der modernen Gesellschaft. Individuelle und soziale Gesundheit stellen Werte dar, der nicht an der Börse gehandelt werden können. Gesundheit als Ziel bildet ein Bindegewebe, das die Menschen jenseits von ökonomischen und privaten Beziehungen miteinander verbindet. Psychosoziale Gesundheit wird vor allem durch Beziehungsstörungen bedroht und die Krankheiten der Moderne erfordern auch so etwas wie Heilkunst für das soziale Beziehungsgefüge von Menschen, die miteinander produktive Leistungen erbringen wollen.

Zwei entscheidende Polaritäten, Werteorientierung versus Profitorientierung und Individueller Egoismus versus Soziale Verantwortlichkeit und Gemeinwohlbezug, also vier zentrale Einflussfaktoren bilden ein Koordinatenkreuz, in dem sich die Gesundheitspolitik für die Zukunft orientieren und positionieren kann. Ein an humanistischen Werten ausgerichtetes systemisches Verständnis der Organisationen des Gesundheitswesens wird zur zentralen Führungsaufgabe. Die bestimmenden Akteure des Systems wie Politik, Krankenkassen und die helfenden Professionen vor allem die Ärzteschaft müssen den Wandel von der geldgesteuerten Optimierung ihrer Partikularinteressen zu einer wertgesteuerten Optimierung der individuellen und sozialen Gesundheit schaffen. Sie könnten dies in einem zielgerichteten und bewussten Prozess des Change-Managements erreichen und damit die heutige Verkrustung und Erstarrung des Gesundheitssystems überwinden. Zentral ist dabei die Einsicht aller Beteiligten, dass sie eben nicht Partikularinteressen, sondern eine gemeinsame Aufgabe in sozialer Verantwortung lösen müssen.

Die Europäischen Länder verfolgen im Unterschied zu den Vereinigten Staaten von Amerika traditionell eine Politik, die dem Gesundheitswesen sozial integrierende und gesellschaftlich inklusive Funktionen zuordnet und die wirtschaftlichen Interessen den sozialen Zielen unterordnet. Diese europäische Tradition und Vision begründet eine besondere Wachstumschance. Nötig ist dazu ein koordiniertes Change-Management aller beteiligten Akteure, die sich am Prozess einer kontinuierlichen Systementwicklung beteiligen müssen.

Gesundheit für das Gemeinwesen

“Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen.“

Dieses Leitmotiv der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus der Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung beschreibt auch das neue Leitbild des modernen Gesundheitsmanagements. Die internationalen Organisationen sehen inzwischen Gesundheit immer mehr als Ressource und Produktivfaktor für die gesellschaftliche Entwicklung und nicht mehr nur als Kostenfaktor oder Produkt medizinischer Dienstleistung. In den letzten 20 Jahren, hat sich ein globaler Diskussionsprozess entwickelt, der diese neue Sichtweise in politische Programme einbindet:

  • "Nachhaltige Gesundheit", das Leitbild der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • "Nachhaltige Entwicklung", das Leitbild der Umweltkonferenz von Rio

verknüpfen eine globale Wertorientierung mit lokalem Handeln. Beide Leitbilder setzen auf kommunale und regionale Aktionen und konzipieren eine ganzheitliche und neue Politik der Beteiligung. Die konkreten Projekte der "Gesundheit 21" und der "Lokalen Agenda 21" mobilisieren Bürgerinnen und Bürger in ihren sozialen Gemeinschaften, damit sie Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität erhalten und stärken können. Dort, wo die Menschen leben, arbeiten und ihre Verhältnisse richten, erreichen sie durch Selbstorganisation und eigenes Handeln soziale Fortschritte. Sozialökologisches Handeln wird langfristig mit ökonomischem Verhalten zusammenfließen. Shareholder- und Stakeholder-Interessen innerhalb des Gemeinwesens streben nach einem gesunden Ausgleich zwischen individuelle Profitzielen und sozialem Wachstum.

Gesundheitsförderung muss die unterschiedlichen Akteure des Gesundheitssystems aufeinander abstimmen, miteinander vernetzen und zu einem gemeinsamen Handeln motivieren. Eine funktionierende Kommunikations- und Kooperationskultur zwischen den verschiedenen Versorgungsträgern benötigt ein entsprechendes Versorgungsmanagement, das präventive, kurative und rehabilitative Medizin mit sozialpflegerischen, psychosozialen und kulturellen Diensten verbindet. Der in WHO-Programmen erfolgreich erprobte "Setting- Ansatz" für Städte, Dörfer, Schulen, Betriebe oder Unternehmen stellt das Instrumentarium und die Methodik bereit, mit denen Gesundheitsförderung praktisch umgesetzt werden kann.

Zwischen Globalisierung und flexibilisiertem Individuum und gegen den Terror der Ökonomie und der Bürokratie muss in allen Gesellschaften das Soziale reanimiert werden. Das Gesundheitssystem als Gemeinschaftsleistung und Ort der humanen Werte sollte zum Marktplatz einer lebendigen Zivilgesellschaft werden, der lokal, regional und national vermittelt, wie Menschen gegenseitig offen, mitmenschlich und im Interesse des Gemeinwohls miteinander verkehren können. Die Qualität der menschlichen Beziehungen bildet nach den Erkenntnissen der Human- und der Biowissenschaften den gravierendsten Einzelfaktor, der über die Gesundheit oder Krankheit eines Individuums entscheidet. Die Beziehungskrankheiten sind in der Kommunikationsgesellschaft an die Stelle der Infektionskrankheiten des letzten Jahrhunderts getreten. Beziehungslosigkeit ist der gefährlichste Krankheitserreger der modernen Welt und Beziehungsfähigkeit das Antibiotikum der Wissensgesellschaft.

Unter den Bedingungen des sozialen Wandels sind die fundamentalen Konflikte im Gesundheitswesen gleichzeitig Modell für den sozialen Fortschritt. Gelingt eine humane Modernisierung des Systems, heilt dies Individuum und Gesellschaft. Gelingt sie nicht, werden sozial destruktive Gewalten unbeherrschbar werden. Das Gesundheitssystem umfasst ein exemplarisches gesellschaftliches Muster unterschiedlichster Wirkkräfte. Das komplexe Wechselverhältnis von Menschenbild, gewachsenen Strukturen und Kulturen des Helfens, Pflegens und Heilens, der neuen Herausforderungen durch ein gewandeltes Krankheitspanorama oder der Hoffnungen auf den medizinischen Fortschritt sind typisch für die Gestalt gesellschaftlicher Probleme. Elitäre Herrschaftsansprüche und individuelle Profitziele, kleinteilige Gruppenegoismen und professionelle Überheblichkeit geraten in Gegensatz zur humanistischen Wertorientierung und ihren ethischen Zielvorgaben. Wie soll eine moderne Gesellschaft ihre innere Zerrissenheit überwinden, wenn dies im Gesundheitssystem nicht glückt? Die beispielhafte Bewältigung der Gesundheitskonflikte bildet auch Gesellschaft neu.

Gesunde Gemeinden

Die Kommunikationsgesellschaft produziert nicht mehr Maschinen, sondern Ideen. Fortschritte im Menschlichen entscheiden über die Zukunft der Volkswirtschaften der heutigen Industriestaaten. Dies jedenfalls meinen ernstzunehmende Wirtschaftstheoretiker. Die industrielle Konsumgesellschaft transformiert sich in eine kulturelle Dienstleistungsgesellschaft. Die "Theorie der langen Wellen" versucht die Wechselwirkung der technologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung von Gesellschaften zu erklären. Wirtschaft und Gesellschaft seien danach aufs Engste miteinander verflochten. In Abständen von 50 bis 60 Jahren durchliefe die Gesellschaft grundlegende Reorganisationsprozesse, die sogenannten Kondratieffzyklen. Jede lange Welle beginne mit einer "Basisinnovation", die neue Konjunkturen anstoßen und neue wirtschaftliche wie soziale Gestaltungsfelder erschließen.

Der erste Kondratieffzyklus markierte den Übergang von der Agrargesellschaft in die Industriegesellschaft. Die Erfindung der Dampfmaschine führte zu Beginn des letzten Jahrhunderts in einen rasanten Aufschwung des Textilgewerbes und zum Ausbau der Städte. Der zweite Kondratieff brachte die Eisenbahn und insgesamt die industrielle Massenproduktion der Fabriksysteme. Im dritten Kondratieff ermöglichten die Potentiale der elektrischen und chemischen Energie einen neuen Aufschwung. Im vierten Kondratieff, der nach dem Zweiten Weltkrieg begann, wurde der individuelle Massenverkehr, die Mineralölwirtschaft und das Auto zum Motor des wirtschaftlichen Wachstums. Damit überschritt die Industriegesellschaft ihren Höhepunkt.

Der fünfte Kondratieff prägt seit zwanzig Jahren den technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel. "Er ist der erste Langzyklus, der nicht mehr primär von der Verwertung von Bodenschätzen, Stoffumwandlungsprozessen und Energien getragen wird, sondern von der Verwertung einer geistigen Größe: Information. Sein Erfolgsmuster ist der produktive und kreative Umgang mit Informationen", schreibt Leo A. Nefiodow in seinem Buch "Der 6. Kondratieff". Der Computer und die Informationstechnologie durchdringt nun alle Bereiche der Gesellschaft und bestimmt die wirtschaftliche Dynamik. "In der Industriegesellschaft kam es primär darauf an, Rohstoffe zu erschließen, Maschinen, Fließbänder, Fabriken, Schornsteine und Straßen zu bauen, Energieflüsse zu optimieren, naturwissenschaftlich-technische Fortschritte zu erzielen und das Angebot an materiellen Gütern zu steigern. Vereinfacht ausgedrückt: Im Mittelpunkt des Strukturwandels der Industriegesellschaft standen Hardware und materielle Bedürfnisse. In der Informationsgesellschaft hingegen kommt es in erster Linie auf die Erschließung und Nutzung der verschiedenen Erscheinungsweisen der Information an - also von Daten, Texten, Nachrichten, Bildern, Musik, Wissen, Ideen, Beziehungen, Strategien."

Leo A. Nefiodow stellt nun die Frage, welche Basisinnovation den sechsten Kondratieff begründen wird und er kommt zum Ergebnis: "Der sechste Kondratieff wird seine Antriebsenergie aus dem Streben nach einer ganzheitlich verstandenen Gesundheit beziehen, in deren Zentrum, als Basisinnovation, die Erschließung psychosozialer Potentiale stehen wird." Sein Leitbild ist das einer "kooperativen Gesellschaft" im Gegensatz zur Konkurrenzgesellschaft mit ihren destruktiven und zerstörerischen Spannungen.

Wenn man dieser Wirtschaftstheorie folgt, reüssiert das Gesundheitssystem zum Schlüssel für neue gesellschaftliche Produktivität. Gesundheits- und Sozialarbeit wird zum neuen Motor für den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess. Wir müssen das Yang der kapitalistischen Industrie mit ihren egoistischen Potentialen durch das Yin einer sozialen und gesundheitlichen Dienstleistungswirtschaft ergänzen, die nicht an Profitzielen, sondern am sozialen Nutzen orientiert ist. Dies wäre aber kein staatlich geplantes Organisationsmuster, sondern ein dynamischer gesellschaftlicher Wettbewerb um möglichst gute gesundheitliche Leistungen und menschlichen Nutzen.

Der Standort Deutschland hat also ganz andere Chancen als die Regierenden in den Hauptstädten glauben. Die gesundheitlichen und sozialen Berufe müssen nicht warten, dass der Staat ihre Arbeit finanziert, sie können darauf vertrauen, dass die Bevölkerung ihren Einsatz und ihre Leistung honoriert. Wir sehen am Ende des depressiven Tunnels der heutigen Reformkämpfe Licht für ein neues Gesundheitssystem, das Medizin und soziale Dienstleistung miteinander verbindet: Das Streben nach produktiver Kooperation anstelle der Konkurrenz um Finanzierungspfründe.

Es spricht also vieles dafür, dass im nächsten Jahrtausend, die Krankenhäuser und die Arztpraxen zu Netzwerken werden, in dem Laien und Experten zusammenwirken und kreative Kräfte gesammelt werden, die dem Sozialen dienen und die Gefühle des Gemeinsamen ausdrücken können. Das sozial gestaltete Gesundheitssystem schenkt den Menschen den öffentlichen Ort, an dem die Belange des gesellschaftlichen Bindegewebes besprochen werden. Es bündelt als öffentlicher Treffpunkt die sozialen Kräfte so, dass die Menschen Sinn und Gemeinschaft erfahren. Ein solches Gesundheitssystem wird dafür sorgen, dass die Menschen gut auf die Welt kommen, ihr Leben dort möglichst lange autonom gestalten können und dann in Würde diese Welt auch wieder verlassen dürfen. Das moderne Gesundheitssystem bildet die zentrale Infrastruktur für die Zivilgesellschaft von Morgen.

Wir sind alle Zeugen des Entwicklungsprozesses, der sich in den nächsten Jahren in Europa abspielen wird. Das Gesundheitswesen ist ein Schlüssel für das gesellschaftliche Wachstum. Es begeistert nämlich viele Bürgerinnen und Bürger, Gesundheitssysteme zu schaffen, die dem einzelnen Menschen und der gesamten Bevölkerung gleichermaßen dienen. Es lohnt sich, dabei zu sein und mitzumachen.

Redaktion: Katrin Stockheim

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