Hans Christian Meiser

Life is Grand

Achtsamkeit

Die Zeit, die uns zum Leben bleibt

Die Zeit, die uns zum Leben bleibt

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Achtsamkeit

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In Bonn, der ehemaligen deutschen Hauptstadt, eröffnete vor einigen Jahren ein Hotel, das nicht nur im Innenbereich mit besonderem Mut zur Farbgebung überrascht, sondern auch von außen dem Gast schon bei dessen Ankunft ein spezielles Erlebnis bereitet. Denn anstelle des Hotelnamens Kameha wird dieser durch einen Satz, der in goldenen Lettern auf dem Vorsprung des Dachs der Einganghalle prangt, begrüßt. LIFE IS GRAND steht dort zu lesen. Als ich diese Botschaft zum ersten Mal las, war ich begeistert. Was für eine grand-iose Idee! Ein Hotel mit diesem Satz im Bewusstsein zu betreten, führt ohne Umschweife zu einer Veränderung im Denken, denn irgendwie muss man – egal was man gerade erlebt hat oder erleben wird – dem Inhalt dieser message zustimmen. Und genau diese löst etwas in uns aus, was wir eigentlich schon immer wussten, was aber auch stets aufs Neue durch das Negative, das wir erleben, verdrängt wird. Ja, das Leben ist großartig!

Warum denken wir nicht ständig daran? Warum machen wir uns das Dasein selbst immer so schwer? Warum ist unser Egoismus meist stärker als unsere Fähigkeit (über die wir zweifelsohne auch verfügen), anderen selbstlos zu nützen oder zu helfen?

 

Wenn ich hier von der Zeit, die uns zum Leben bleibt, spreche, dann meine ich genau dies: zu erkennen, dass die Anzahl unserer Tage begrenzt ist und wir uns gerade deshalb nicht mit dem Negativen, sondern mit dem Positiven verbünden sollen. Diese verrinnende Zeit beginnt im Grunde genommen schon mit unserer Geburt, aber sie wird uns erst dann bewusst, wenn wir zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert sind, sei es, ob ein Familienmitglied gestorben ist oder wir selbst schwer krank sind und spüren, dass das Dasein endlich ist. In diesen Momenten merken wir, dass wir unsere Möglichkeiten nicht wirklich ausleben, weil wir sie mit allem möglichen Unnützen zugestellt und ganz und gar vergessen haben, dass unter diesem Schutt ein unglaublich wertvoller Schatz darauf wartet, geborgen zu werden. Das heißt nun nicht, dass wir aufgrund der Tatsache der Vergänglichkeit alles Irdischen keinerlei Sittlichkeit (hier als philosophisches Konzept vom sittlich Guten verstanden) mehr an den Tag legen müssten und es „endlich so richtig krachen lassen könnten“, im Gegenteil: Gerade in der Flüchtigkeit all dessen, was uns umgibt, erkennen wir seinen Wert. Es ist ähnlich wie bei einer Trennung: Kaum ist der geliebte Mensch fort, erscheint er uns unendlich wertvoll, und wir wollen ihn zurückhaben. Wieso haben wir seinen Wert nicht schon vorher erkannt?

 

 

Es gibt einen schönen Film (Ocean 13), in dem sich eine Szene abspielt, die mich offenbar so beeindruckt hat, dass ich sie mir gemerkt habe. Eine etwa 35jährige Frau wird durch einen Mittelsmann zu ihrem Vater gebracht, den sie mindestens 20 Jahre nicht gesehen hat. Als die beiden sich gegenüberstehen, entwickelt sich folgender Dialog:

 

Tochter: Was hast Du die ganze Zeit über gemacht?

Vater: Ich habe gewartet.

Tochter: Worauf denn?

Vater: Auf jetzt.

 

Dann umarmen sie sich weinend und lassen einander nicht mehr los. Was zeigt uns dies? Einmal natürlich, dass Menschen ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl haben, das auch die Zeit nicht besiegen kann. Das wird jeder verstehen, der einen Menschen verloren hat, sei es durch Tod unausweichlich für immer oder durch Trennung nicht unabwendbar für immer. Das andere aber, und das ist für unser Thema noch wichtiger, ist die Tatsache, dass der Vater offenbar seine Zeit nicht genutzt hat, sonst hätte er seine Tochter schon viel früher gesucht oder sich nicht vor ihr verborgen. Wie oft merken wir, dass wir einem Menschen zwar zutiefst zugetan sind oder ihn lieben, ihn aber dennoch nicht zulassen können/wollen, weil irgendetwas uns daran hindert. Erst, wenn es meist schon zu spät ist, ereilt uns die Einsicht, dass wir hier unser Glück finden hätten können oder zumindest etwas Positives hätten erleben dürfen. Es ist schade um die Menschen sagt Gott Indra in August Strindbergs Drama Ein Traumspiel.

 

Die Zeit, die uns zum Leben bleibt, müssen wir im Hier und Jetzt verbringen und vollenden. Es hat keinen Sinn, der Vergangenheit hinterher zu weinen oder die Zukunft zu fürchten. Alte Hass- oder Rachegefühle führen uns ebenso wenig weiter wie Angst vor dem, was kommen mag. Eine Binsenweisheit, die in zwei Formen existiert, die jedoch dasselbe meinen, gibt diesem Gedanken Recht: Es kommt ohnedies anders als man denkt und Irgendetwas kommt immer dazwischen. Was also ist es, das uns hindert, im Hier und Jetzt unser Dasein zu genießen ohne uns ständig mit mannigfaltigen Sorgen herumquälen zu müssen?

Es ist unser eigenes Unvermögen, die Sorgen zu vermeiden. Ja, wenn das so einfach wäre, mag nun mancher sagen. Ich behaupte, es gibt nichts Einfacheres als das. Und wie es geht, das hat mir mein koreanischer Taekwondo-Meister beigebracht. Es heißt: Yu Bi Mu Hwan. Diese vier kleinen Silben haben große Wirkung. Sie bedeuten Gute Vorbereitung – keine Sorgen.

 

Denken Sie einmal nach: Was hat Ihnen in den letzten Jahren wirklich Probleme bereitet, egal auf welchem Gebiet? Wenn Sie ganz ehrlich sind, dann müssen Sie sich eingestehen, dass Sie in keinem der Fälle gut vorbereitet waren, sondern dass Sie das Ereignis kalt erwischt hat, weil Sie nicht in der Lage waren, tief genug nachzudenken und die Situation schon zu erkennen, bevor sie eingetreten ist. In der Fahrschule hat Ihr Fahrlehrer versucht, Ihnen genau dies beizubringen, wenn er vom Vorausschauenden Fahren sprach. Ich spreche deshalb generell vom Vorausschauenden Leben, das übrigens keinen Widerspruch zum Dasein im Hier und Jetzt bedeutet, wie wir später noch sehen werden.

 

Wir leben zwar, aber wir machen uns selten Gedanken darüber, wie wir leben könnten. Der Benediktinermönch Anselm Grün von der Abtei Münsterschwarzbach spricht in diesem Zusammenhang von Haltungen, die die Welt verwandeln. Er sagt: Verwandeln ist wesentlich sanfter als Verändern. Verwandeln heißt: Alles darf sein. Ich würdige mich so, wie ich bin. Aber ich bin noch nicht am Ziel.

Welch schöner Gedanke! Wenn ich diesen nun mit der Zeit, die uns zum Leben bleibt und mit Life is grand verbinde, dann verstehe ich, dass ich meine Möglichkeiten durchaus in Wirklichkeiten umformen darf, ja geradezu dazu aufgerufen bin, das Leben zu wagen, mehr aus mir zu machen als ich zu sein meine. Und wenn mich die Bedenkenträger wieder einmal daran hindern wollen, dann verweise ich darauf, dass die Welt Hoffnungsträger, und nicht Leute wie sie braucht, um sich positiv weiterzuentwickeln. Denn ich darf nicht den Fehler wie der Vater aus dem Film machen, zu lange auf das Jetzt zu warten, da dieses entweder schon vorbei oder noch nicht eingetreten ist. The power of now aber entfaltet sich in jeder Sekunde und ich kann mich ihr anschließen, indem ich das Leben, das in mir wohnt, spüre. Es geht ganz einfach. Wie, das steht im folgender Inspiration:

 

Dass wir leben bzw. was das Leben, das in uns wohnt, wirklich ist, spüren wir meist nicht, es sei denn wir geben uns der Meditation oder anderen Bewusstsein erweiternden Techniken hin. Im Normalfall aber existieren wir, handeln wir, agieren wir, tun dies und das – ohne darüber zu reflektieren, was eigentlich der Motor ist, der uns antreibt. Hiermit ist weder der körperliche Motor, also unser Herz, gemeint, noch der psychische, also irgendein Bedürfnis, dessentwegen wir etwas tun oder bleiben lassen. Das Kraftwerk, das hier gemeint ist, ist spiritueller Natur, und ich verbinde mit diesem Bild jene Kraft, durch die wir sind, genauso wie alles andere, das existiert, ist. Hier beginnt eine Dimension, die uns, beschäftigt wie wir sind, nur selten ergreift, und die durchaus als religiös bezeichnet werden kann. Denn Re-ligio bedeutet Rückbindung, und genau darum geht es bei der Frage, woher das Leben an sich kommt.

 

Klarheit des Geistes ist eine Grundvoraussetzung, wenn Sie in der Fülle des Lebens mit anderen zusammenwirken möchten, um Ihr Umfeld oder auch das anderer zu verbessern. Entschlossenheit ist eine weitere Voraussetzung. Sobald Sie sich ent-schlossen haben, also für Ihre Aufgabe wirklich geöffnet haben, sind Sie nicht mehr nur bei sich, sondern eben auch bei den anderen, mit denen Sie gemeinsam an einer positiven Weiterentwicklung der Welt bauen.

ÜBUNG: Ich setze mich in einen stillen Raum und entspanne mich. Nun konzentriere ich mich ganz auf meinen Atem: ich atme ein und atme aus. Ich nehme wahr, dass ich atme. Es wird mir bewusst. Ich atme ein und atme aus. Mir wird klar, dass der Atem meine körperliche Kraftquelle ist. Ich erkenne, was meine Lunge zum Atmen bringt. Ohne sie wäre ich nicht zu leben fähig. Ich atme ein und atme aus. Allmählich verschmelzen mein Atem und ich, so dass es zwischen uns keine Grenze mehr gibt. Ich atme ein und atme aus. Ich bin nun mein Atem und mein Atem ist ich. Wir atmen ein und atmen aus. Wir atmen im selben Takt, dem Gleich-Klang des Lebens.

 

Dasselbe findet nun mit meinem Herzen statt. Ich konzentriere mich ganz auf sein Klopfen, auf seinen Rhythmus. Ich vernehme seine Schläge in mir. Es wird mir bewusst, dass mein Herz mein Motor ist. Ich erkenne, was mein Herz zum Schlagen bringt. Ohne mein Herz wäre ich nicht fähig zu leben. Ich lausche seinem Pochen. Allmählich verschmelzen mein Herz und ich, so dass es zwischen uns keine Grenze mehr gibt. Ich spüre das Gleichmaß seiner Schläge. Ich bin nun mein Herz und mein Herz ist ich. Wir schwingen im selben Takt, dem Gleich-Klang des Lebens.

Redaktion: Hans Christian Meiser

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