Gerd Giesler

Japan

Magic Places

Im Badehaus wie ein Zen-Meister den Ursprung Japanischen Seins begreifen

Takargawa Onsen

Veröffentlicht am

Magic Places

Profilbild von  Gerd Giesler

Seite 1 von 5

Mehr als 13000 heiße Quellen gibt es in Japan. Viele davon sprudeln seit Menschengedenken und genauso alt ist die Vorliebe der Japaner, sie von Zeit zu Zeit aufzusuchen. Eine Reise zu den Onsen, zu den traditionellen Badeorten, ist eine Reise an den Ursprung japanischen Seins. Das Bad gehört zur Intimsphäre des Japaners, in ihm eifert er den Lehren der alten Zen-Meister nach: sich auf das Wesentliche zu besinnen und mit der Natur im Einklang zu leben. Unermüdlich sprudeln die Quellen fast überall im Inselreich jod -, schwefel - oder salzhaltig aus dem Gestein hervor. Sei es in der Abgeschiedenheit rauer Schluchten, an der Küste, in milden Tälern oder in der Bergeinsamkeit.

Am Anfang war der Regenbogen. Und von dieser Himmelsbrücke aus rührten Izanagi und Izanami mit einem diamantenen Schwert im Chaos unter ihnen. Schließlich zogen sie das Schwert heraus und ließen von der Spitze dicke Tropfen in den Ozean abperlen, die zu den ersten japanischen Inseln erstarrten. Das Götterpaar war von der Reinheit und Unverdorbenheit dieser Eilande betört. So feierten sie ein Fest der Liebe und zeugten Nippons Inselwelt. Und da ihre Lust keine Grenzen kannte, zeugten sie auch Flüsse, Täler, Tiere und Pflanzen. Sie zeugten den Schnee auf dem Fudji-san, die Kirschblüte, den grünen Tee, eine Welt der Symbolik, die noch heute unsere Sinne stimuliert. Sie zeugten Amaterasu, die strahlend schöne Sonnengötting, deren Abendrot sich später millionenfach in dem Karmesin der bemalten Hölzer, Lackgeschirre, Paravents und Fächer widerspiegeln sollte.

In ihrem Übermut schufen sie den schelmischen Gott der Stürme, der fortan Jahr für Jahr im luftigen Kleid der unberechenbaren Taifune über Japans Küsten fegte. Doch bei der Geburt des Feuergottes Kagutsuchi verbrannte Izanami. Vergeblich versuchte Izanagi seine Geliebte aus dem Totenreich zurückzuholen. Sein Sohn aber tobt noch heute als Gott der Vulkane mit der selben Urgewalt unter der papierdünnen Erdkruste. Niedergeschlagen suchte Izanagi neue Kraft im Bade. Bei seinen Waschungen entstanden neue Götter. Götter aus dem Wasser. Götter der Schmerzlinderung. Götter der Heilung. Götter der Thermen. Mehr als 13.000 heiße Quellen gibt es in Japan. Viele davon sprudeln seit Menschengedenken, und genauso alt ist die Vorliebe der Japaner, sie von Zeit zu Zeit aufzusuchen. Eine Reise zu den Onsen, zu den traditionellen Badeorten, ist eine Reise an den Ursprung japanischen Seins. Das Bad gehört zur Intimsphäre des Japaners, in ihm eifert er den Lehren der alten Zen-Meister nach: sich auf das Wesentliche zu besinnen und mit der Natur im Einklang zu leben. Unermüdlich sprudeln die Quellen fast überall im Inselreich jod -, schwefel - oder salzhaltig aus dem Gestein hervor. Sei es in der Abgeschiedenheit rauer Schluchten, an der Küste, in milden Tälern oder in der Bergeinsamkeit, wo nachts die Luft vor Kälte klirrt und selbst heißer Dampf zu Eis erstarrt.

Takaragawa, so heißt ein wildromantisches Dorf hoch oben in den Bergen in einer nebelverhangenen Schlucht, in der nachts die Bären heulen. Weit entfernt vom Japan der technischen Überperfektion und dem lauten Moloch Tokyo. Die Gärten des Onsen sind wie geschaffen, um sich in Zen-Meditation zu vertiefen. Sie sind üppig, verwunschen und so angelegt, dass permanent etwas herabrieselt: entweder Myriaden von Blüten, feuerrotes Herbstlaub oder gar Schneeflocken, je nach Jahreszeit. An vielen Plätzen in der Takaragawa-Schlucht findet der Wandernde Unterschlupf in kleinen Pavillons oder er sucht sich mit weichem Moos überzogene Steine zur Rast. Zierliche Götterfiguren, auf die man an Wegkreuzungen stößt, erinnern daran, dass dies auch ein religiöser Ort ist. Im lackroten Haupttempel wacht Yakushidu, der Gott der heißen Quellen, über die Badenden. Eine schwankende Holzbrücke verbindet die Badehäuser mit dem angrenzenden Osenkaku-Badehotel. Viele berühmte Persönlichkeiten Japans haben sich hier hier schon der hohen Kunst der japanischen Badekultur hingegeben, um fernab von Streß und Hektik neue Kraft zu schöpfen. Schmale Wege führen über Treppen durch Bambushaine und Nadelgehölze zu den Umkleidekabinen im Pagodenstil. Im Schein eines Lampions gelangt der Gast in seinen klobigen Holzpantinen hinab zu den Wasserbecken am Fluss. Dort lauscht er einen Augenblick lang dem Sprudeln des Wassers und dem leisen Rauschen der Zedern. 

Der Pool ist in dichten Nebel gehüllt. Schon bald wird man den Singsang der fremden Sprache und das Lachen der anderen Badenden nicht mehr wahrnehmen. Zuerst gießt sich der Gast mit einem großen Holzlöffel Wasser zur Reinigung über den Körper. Dann gleitet er langsam, ganz langsam hinein in den von Steinen eingefassten Naturpool. Vielleicht spürt er schon jetzt eine innere Wärme, die den ganzen Körper ergreift. Vielleicht geniesst er die Entspannung und die kühle Bergluft, die über sein Gesicht streichelt. Sehnen wir uns nich talle nach diesem Einklang mit der irdischen Welt und der kosmischen Ordnung? Hier in Takaragawa Onsen kann man den Frieden in sich selbst finden. Mein ganz besonderer Tipp für Sie: Keine drei Stunden mit dem schnellen Shinkansen-Zug trennen den Moloch Tokyo von der Bergeinsamkeit von Takaragawa im Skigebiet Minamaki. Ich kann nur wärmstens empfehlen, nicht wie die Tagesgäste zwischen 9 und 17 Uhr in den vier Themnalbecken zu verweilen, sondern sich für zwei, drei Tage in einem echten, traditionellen Badehhotel, dem angrenzenden Osenkaku Ryokan, einzumieten. Es ist der richtige Ort, um sich zurückzuziehen, um neue Kraft zu sammeln. Am besten kommt man alleine, dann kann man sich auf sich selbst besinnen. Auch ist es ratsam, so wenig Gepäck wie möglich mitzunehmen, denn alles, was an Zuhause erinnert, ist in Takaragawa eher hinderlich. Die Ryokans hatten von je her die Aufgabe, ihre Gäste nicht nur zu beherbergen, sondern ihnen den Reinigungsprozess zu einem sinnlichen Vergnügen zu gestalten. Askese ist in Takaragawa nicht angesagt. 

Der Gast wird hofiert wie am Hofe des Kaisers, und Bedienstete alten Stils reichen ihm fantasievoll arrangierte Speisen: fangfrischenen Fisch oder Wildbret, exotische Früchte oder Waldbeeren und Pilze in farblich harmonisch aufeinander abgestimmten Porzellan- und Lackschälchen. Die Unterkünfte dagegen sind minimalistisch und entsprechen dem getreuen Vorbild einer kleinen, japanischen Wohnung: der Wohn-Schlafraum mit dem klassischen Futon und einem mit Kichererbsen gefüllten Kissen, für einen gesunden, therapeutischen Schlaf. Ein kleines Vorzimmer, Bad und Veranda. Viel Holz, Tatami-Matten und Schiebetüren aus Reispapier. So steht man da, ein wenig unsicher und wird zunächst nicht wissen, wie man sich in dieser ungewohnten Umgebung bewegen soll. Da kann es sein, dass es plötzlich klopft. Auf leisen Sohlen betritt ein junges Mädchen das Zimmer. Wenn es die Überraschung des Gastes bemerkt, wird es verlegen lächeln und sein Eindringen mit einem Schwall unverständlicher Singsanglaute rechtfertigen. Erst jetzt wird der Gast dieses Mädchen in seiner Erscheinung wahrnehmen. Sie sieht hübsch aus. Lackschwarze Haare, adrett zu einem Pagenkopf geföhnt, Pfirsichröte auf den Wangen, der hochgeschlossene Kimono prächtig bestickt mit Ornamenten. Die kleinen Füße in makellos weissen Seidenstrümpfen – das alles erinnert an eine Welt der Geishas und Konkubinen, an uraltes Ritual. Dann wird das Mädchen grünen Tee in einer dampfenden Schale kredenzen. Daraufhin wird es sich diskret in den Vorraum zurückziehen und warten, bis der Gast sich seiner europäischen Kleidung entledigt hat und in den Yukata, den kimonoartigen Hausmantel, den alle im Osenkaku Ryokan tragen, geschlüpft ist. Was zunächst so ungewohnt für uns klingt, wird sehr schnell zum liebgewordenen Ritual. Nach ein paar Tagen jedenfalls wird man sich wie neugeboren fühlen. Japanischer kann Japan nicht sein.

Redaktion: Bea Petersen

Zurück