Nina Ruge

Medizinisches Cannabis

Gesundheit

Droge oder hochwirksames Heilmittel für Schmerzpatienten? 

Medizinisches Cannabis

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Dies ist die Abschrift des Interviews von Nina Ruge mit Dr. Michael Überall zum Thema Cannabis als Medizin in der Sendung "Gesunde Stunde" auf Klassik Radio am 27.10.2018 um 17:00 Uhr

Nina Ruge:

Das tut gut.

Die „Gesunde Stunde“ bei Klassik Radio.

Willkommen. Ich bin Nina Ruge und ich habe ein medizinisches Thema für Sie, dass aufhorchen lässt. Cannabis.

Da geht es mir natürlich nicht um die Rauschdroge. Die soll den Konsumenten bekanntlich raus aus dem Alltag katapultieren. Nein, es geht um medizinisches Cannabis. Von dem sich viele Patienten genau das Gegenteil  erhoffen. Zurückkehren zu können in einen Alltag, mit deutlich weniger und vielleicht sogar ganz ohne Schmerzen. Ohne Beeinträchtigung. Cannabis? Das ist doch eine Droge, werden Sie jetzt denken. Worin der Unterschied zwischen einem Joint und medizinischen Cannabis besteht, dass hören Sie gleich nach der Silvia Suite Von Leo Deliebes mit dem New Philarmonic Orchestra unter der Leitung von Charles Mackerras.

Nina Ruge:

Cannabis als Medizin. Diese Chance bietet sich in Deutschland noch nicht lange. Am 10. März 2017 trat das Gesetz für den Einsatz von Cannabis als Arzneimittel in Kraft. Wohl gemerkt als Therapie-Alternative. Im Einzelfall, bei schwerwiegenden Erkrankungen. Herzlich Willkommen zur „Gesunden Stunde“. Der Sendung rund um die Gesundheit am Samstag Nachmittag auf Klassik Radio.

Welche Chancen kann medizinisches Cannabis also Patienten bieten? Und welche Hoffnungen bleiben wahrscheinlich unerfüllt? Darüber darf ich mit einem Spitzen-Fachmann sprechen, mit dem Präsidenten der deutschen Schmerzliga und den Vize -Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Doktor Michael Überall. Danke, dass Sie gekommen sind.

 

Dr. Michael Überall:

Hallo Frau Ruge.

 

Nina Ruge:

Vielleicht wichtig zu wissen, die Patienten sitzen ja nicht da und rauchen Joints, sondern sie nehmen medizinisches Cannabis. In Form von Tropfen, Kapseln oder einem Mundspray zu sich. Wie unterscheiden sich eigentlich diese Anwendungsformen von der Rauchdroge?

 

Dr. Michael Überall:

Der wesentliche Unterschied für die Patienten ist, dass in diesen medizinischen Darreichungsformen von Cannabis die beiden entscheidenden Inhaltsstoffe der für die Wirkung dieses Medikaments, Tetrahydrocannabinol, THC,  und Cannabidiol, CBD, in hoch reiner, medizinisch aufbereiteter Form vorliegen und die Darreichungsformen vorwiegend  den Weg über den Magen-Darm-Trakt nutzen, um in den Körper zu gelangen. Dies bedingt für viele Patienten, dass sie die von der Rauchdroge, der Rauschdroge, bekannten Nebenwirkungen wie die Benommenheit, die Abwesenheit, dieses aus dem Leben hinaus geführt werden, nicht erleben. Sondern durch das langsame Ansteigen der Konzentrationen vorwiegend die medizinischen vorteilhaften Wirkungen erleben. Die zurück ins Leben führen können.

 

Nina Ruge:

Haschisch Plätzchen sind ja auch nicht einfach zu dosieren, gell?

 

Doktor Überall:

Die sind schwierig zu dosieren, richtig. Und in den Haschischplätzchen wissen Sie ja gar nicht, was ist da drin? Das hängt davon ab, welche Blüten wurden verarbeitet, Wie war der Sommer, in dem sie gewachsen sind, welche verschiedenen Beimengungen sind vorhanden das führt in der Regel zu einer nicht vorhersagbaren Wirkung. Durch die hohen Konzentrationen meist nur zu den Nebenwirkungen.

 

Nina Ruge:

Das ganze wäre ja auch illegal. Wir sind hier ganz legal. Man kann aber Cannabisextrakte schon aus dem Internet beziehen, da konnte man ja schon immer ganz legal Cannabis kaufen. Was halten Sie davon?  Wie ernst kann man das nehmen?

 

Michael Überall:

Zunächst muss man sagen, legal dürfen in Deutschland und in den meisten Ländern Europas nur so genannte THC-freie Cannabisprodukte im Handel erworben werden. Das sind Produkte, die in der Regel Cannabidiol, also den zweiten Wirkstoff, enthalten. Und die den in unterschiedlichen Konzentrationen auch wirklich bereitstellen. Leider ist es so, dass die für die meisten Menschen notwendigen medizinischen Wirkungen in der Wechselwirkung zwischen diesen beiden Komponenten THC und CBD liegen, so dass viele Menschen, die nur CBD frei über den Handel oder das Internet beziehen, wahrscheinlich von der Wirkung enttäuscht sein werden.

 

Nina Ruge:  

Wenn jetzt diese beiden Wirkstoffe THC und CBD in den medizinischen Cannabis optimal zusammen wirken, die sind anders medizinisch und stoffwechselmäßig unterwegs, als das, was man als Rauch- oder Rauschdroge kennt?

 

Dr. Michael Überall:

Absolut. In der Rauschdroge ist es so, dass Sie erst mal das Problem haben, dass durch die inhalative Aufnahme der Wirkstoffe Sie sehr schnell sehr hohe Konzentrationen erleben und die beiden Komponenten aber auch im nicht vorhersagbaren Verhältnis zur einander stehen.

Wir wissen heute, wie das Verhältnis von THC und CBD sein muss, dass in einer langsamen Formel in die Strukturen, vorwiegend in das zentrale Nervensystem eindringt, um dort die optimale Wirkung zu entfalten und bei der inhalativen Darreichung ist weder das eine, die vernünftige Konzentration, das Verhältnis der verschiedenen Komponenten zu einander wie auch das langsame verfügbar machen für den Körper gegeben. Sie erleben die Wirkung in sehr hohen Spitzenkonzentrationen, die Sie benommen machen, die ihre Alltagsleistungsfähigkeit beeinträchtigen. Die Ihnen aber auch in gewisser Weise eine Art eine Auszeit gönnen aber diese Auszeit steht halt auch wirklich außerhalb des Lebens und sie hilft Ihnen in keinster Weise mit ihren Problemen zu leben und im Alltag zurecht zu kommen.

 

Nina Ruge:

Jetzt wissen wir nicht, ob medizinisches Cannabis abhängig machen kann. Und welche Nebenwirkungen es haben kann! Dazu gleich mehr. Von Doktor Überall. Dankeschön.

Nina Ruge:

Zurück zur „Gesunden Stunde“ bei Klassik Radio mit dem Vorsitzenden der deutschen Schmerzliga, Dr. Michael Überall. Es geht um medizinisches Cannabis und hier um die allseits bekannte Frage nach Risiken und Nebenwirkungen. Da hätte ich gerne von Ihnen gewusst: Seit März 2017 in Deutschland verschreibungspflichtig zugelassen ist medizinisches Cannabis. Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus?

 

Dr. Michael Überall:

Grundsätzlich, Frau Ruge, müssen wir sagen, dass das jeder, eine medizinische, körperentfaltende, Wirkung zeigender Wirkstoff grundsätzlich auch Nebenwirkungen verursachen kann. Selbst ein Glas lauwarmes Wasser, genossen an der falschen Stelle zum falschen Tageszeit, kann Nebenwirkungen verursachen. Wahrscheinlich ist es dann mit dem Cannabis genauso.

 

Nina Ruge:

Jetzt verharmlosen Sie aber!

 

Dr. Michael Überall

In der Tat, dass möchte ich jetzt gar nicht mal so sehr überziehen, aber es ist in der Tat so, dass man das Gefühl hat, dass hier bezüglich Cannabis mit zweierlei Maß gemessen wird. Wenn wir auch andere Wirkstoffe betrachten, die Patienten heute frei in der Apotheke als apothekenpflichtige Medikamente kaufen können.

 

Nina Ruge:

Aber wenn ich mir jetzt so eine Tablette reintue, verschrieben und legal. Was muss ich denn da an Empfindung erwarten?

 

Dr. Michael Überall:

In der Regel, wenn Sie es entsprechend den Empfehlungen langsam einschleichend eindosieren, wahrscheinlich gar keine. Die häufigsten Nebenwirkungen, die auftreten, treten zu Beginn der Therapie auf, wenn zu hohe Dosierungen verwendet werden. Wenn zu schnell versucht wird, einen positiven Effekt zu erzielen. Und dann sind es die üblichen Nebenwirkungen, die wir von zentral nervös wirkenden Wirkstoffen kennen. Übelkeit, Benommenheit, Schwindel. Die aber meistens dann vorübergehend sind. Sich trotz Dosis-Beibehaltung verlieren und sich dann in Wohlgefallen auflösen. Die einzige Nebenwirkung, die relativ hartnäckig bei Cannabispräparaten und bei medizinischen Cannabis nun mal auch im Vordergrund steht, und von der viele Patienten berichten, dass es eine Appetitsteigerung gibt, die sie im Alltag erleben, und die sich dann negativ, je nach Ausgangssituation auswirkt.

 

Nina Ruge:

Gut für alle die zu nehmen wollen. Und mit einiger Wahrscheinlichkeit kaum Nebenwirkungen zu erwarten. Was ist denn mit Verkehrstüchtigkeit und Drogenabhängigkeit?

 

Dr. Michael Überall

Nun, die Verkehrstüchtigkeit ist gerade für die Menschen, die als chronische Schmerzpatienten wieder zurück wollen in das Leben, da ist das ein ganz wichtiger Faktor. Denn Mobilität stellt Lebensqualität dar. Alle Medikamente, die das beeinträchtigen, sind natürlich Medikamente die wir kritisch sehen. Diesbezüglich muss man ganz klar sagen, dass Cannabis einen ganz extremen Vorteil als Profil aufweist, wenn wir unterstellen, dass der Patient in einer stabilen Einstellungsphase sich befindet. Es gibt viele Untersuchungen, die belegen, dass in einer stabilen Behandlungsphase die Verkehrstüchtigkeit, die kognitive Aufmerksamkeit, die Reaktionsgeschwindigkeit in keinster Weise beeinträchtigt ist und wir somit hier ein Medikament haben, dass sich bezüglich der Alltagstauglichkeit sehr wohl und sehr gut verträglich zeigt.

 

Nina Ruge:

Abhängigkeit?

 

Dr. Michael Überall:

Die Abhängigkeit bei medizinischem Cannabis ist extrem gering. Das Problem mit der Abhängigkeit ist, dass wir um abhängig zu werden, bestimmte Erlebnisse benötigen. Interaktionen mit dem Wirkstoff.

 Die haben wir, wenn wir zum Beispiel in gerauchter Form Marihuana, also gerauchtes Cannabis zu uns nehmen, wo es sehr schnell zu dem Ausstoß von Botenstoffen im Gehirn kommt, die Rezeptoren aktiviert werden, viele Patienten, auch Menschen im Freizeitkonsum, den so genannten Kick erleben. Dass ist das Ergebnis, dass ich benötige, um abhängig zu werden. In der medizinischen Darreichungsform von Cannabis, wo der Wirkstoff langsam über dem Magen-Darmtrakt absorbiert wird, kommt es genau zu diesem abhängig machen Phänomen nicht, so dass wir bei Patienten , die medizinisches Cannabis zur Verfügung haben und die es seit längerer Zeit einen nehmen, keinerlei Hinweise darauf haben, dass sie wirklich abhängig werden, wegen eines Suchtverhaltens.

 

Nina Ruge:

Keine Abhängigkeit, keine Nebenwirkungen, wie muss ich mir jetzt vorstellen, wirken diese beiden Wirkstoffe, im medizinischen Cannabis. Wir haben, was ich hoch interessant finde, schon ein natürliches cannabinoides Systemen in unserem Körper.

 

Dr. Michael Überall:

Das ist ein ganz interessanter Punkt, den sie ansprechen, Frau Ruge. Im Gegensatz zu den meisten Medikamenten, die wir heute in der Schmerzmedizin verwenden, die körpereigene Prozesse unterbinden, blockieren, stimulieren Cannabinoide körpereigene Schutzsysteme, das so genannte Endocannabinoid-System. Wir haben also natürliche Cannabinoide, die wir in bestimmten Situationen sogar selbst produzieren und freisetzen können, nur dummerweise in der Regel nur zeitlich begrenzt.

 

Nina Ruge:

Nun dürfen wir unsere Hörer nicht mehr auf die Folter spannen. Was tun die denn? Was bewirken unsere Cannabinoide, oder durch medizinisches Cannabis stimulierten Stoffwechselprozesse?

 

Michael Überall:

Die von außen zugeführten sowie auch die vom Körper selbst produzierten, freigesetzten Cannabinoide führen zu einer Modulation der Aufmerksamkeit unseres Nervensystems.

 

Nina Ruge:

Für Schmerz?

 

Dr. Michael Überall:

Für Schmerz. Nicht nur für Schmerz! Für ganz viele andere Erkrankungen auch, bei denen es zu Übererregbarkeits-Phänomenen kommt, zu einer vermehrten Wahrnehmung, und zu Wahrnehmungsstörungen, zu Fehlsignalen. All diese überschießenden Reaktionen werden gedämpft. Auch auf ein normales Niveau. Nicht darunter, das ist entscheidend. Auf ein normales Niveau gedämpft, dass unsere alltägliche Modulationsfähigkeit erhalten bleibt, aber hier diese überschießenden, diese krankmachenden, diese wirklich uns störenden Phänomene nicht mehr so intensiv erleben.

 

Nina Ruge:

Dann müssen Sie uns jetzt natürlich sagen, bei welchen Erkrankungen, Indikationen, medizinisches Cannabis wirken könnte, wenn es denn verschrieben würde?

 

Doktor Michael Überall:

Nun, der Hauptindikator ist natürlich der Einsatz bei Patienten mit chronischen Schmerzen. Und zwar einmal völlig unabhängig davon, warum diese Menschen unter chronischen Schmerzen leiden. Ob das nun Tumor_Erkrankungen sind, das können Schmerzen aus dem Haltungs- und Bewegungsapparat sein, eine zweite große Indikationsgruppe sind Übelkeit und Erbrechen. Auch, unabhängig davon, was der Auslöser ist, aber häufig natürlich durch bestimmte Medikamente im Rahmen der Krebstherapie und der Chemotherapie. Dann gibt es die muskulären Verspannungen, die wir bei der Multiple Sklerose im Indikationsgebiet sehen. Wo ist der gute und sehr starke Wirkung gibt. Oder gibt es noch einen kleineren Bereich von Erkrankungen der Medikation in der Neuro-Psychatrie, Tick-Störungen, das so genannte Tourette- Syndrom, aber auch Parkinson als eine chronische Bewegungsstörung, bei der es zum Abbau von Nervenzellen im Zentralnervensystem kommt, von denen wir wissen, dass sie positiv auf die Therapie mit Cannabis als Medizin ansprechen.

 

Nina Ruge:

Also positive Wirkungen bei vielen Erkrankungen? In dem ein System, dass wir ja schon im Körper haben, verstärkt wird? Da wundert man sich wirklich, Warum Cannabis nur im Einzelfall bei schwerwiegenden Erkrankungen verschrieben werden darf. Dazu gleich mehr, von Ihnen von Dr. Michael Überall. Vielen Dank..

Nina Ruge:

Willkommen zurück bei der “Gesunden Stunde“. Mein Name ist Nina Ruge und mein hoch kompetenter Gesprächspartner ist Doktor Überall, der Vorsitzende der deutschen Schmerzliga. Er hat uns bisher informiert über die Wirkstoffe und über die Wirksamkeit von medizinischen Cannabispräparaten. Und eben hatte ich ihm die Frage gestellt, warum medizinisches Cannabis nur in Einzelfällen bei schwerwiegenden Erkrankungen verschrieben werden kann und darf. So gibt es der Gesetzgeber jedenfalls vor. Die dringende Frage an Sie , Herr Doktor Überall, warum ist das so? Denn offensichtlich, gerade in der Schmerztherapie, scheint ja medizinisches Cannabis sehr gut zu wirken?

 

Dr. Michael Überall:

Nun Frau Ruge, wir stoßen hier auf einem ganz kritischen Punkt der Frage, wann wird ein Medikament erstattet und wann darf man es verordnen? Das ist eigentlich das zentrale Problem, wenn wir heute über Cannabis als Medizin in der heutigen Situation reden. Wir haben eine große Diskrepanz in der Wahrnehmung der Wirksamkeit von Cannabis, die auch häufig in Einzelfällen und der Kasuistiken bestätigt wird. Und auf der anderen Seite einen gewissen Mangel an Informationen bezüglich der Beweishaftigkeit dieser Wirkungen in randomisierten, kontrollierten Studien. Und die Zulassung, die normalerweise auf dieser Beweishaftigkeit beruht, Ist häufig Grundlage dafür, dass Ärzte überhaupt Medikamente verschreiben dürfen.

 

Nina Ruge:

Darf ich kurz fragen, sind Sie als Schmerztherapeut, sind sie überzeugt von dem Präparat?

 

Dr. Michael Überall:

Ich bin von der Indikation Cannabis als Medizin absolut überzeugt. Weil es für ganz viele Menschen, für die wir sonst in unserem Gesundheitssystem keine zugelassene Medikamente mehr haben, die ausbehandelt sind, wie man so sagt. Mit ganz verschiedenen Indikationen, für diese Menschen jetzt endlich eine weitere Option haben, die wir uns früher sehr mühsam haben erkämpfen mussten.

 

Nina Ruge:

Dann sagen Sie uns bitte, was muss alles passieren, um diese Verordnung zu bekommen?

Und auch damit die Kasse zahlt?

 

Dr. Michael Überall:

Das ist der kritische Punkt. Die Verordnung zu bekommen, das hat der Gesetzgeber erleichtert. Wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, d.h. Sie leiden nach Sozialgesetzbuch fünf an einer schwerwiegenden, ihr Leben veränderten Erkrankung und Sie haben keine andere Therapiemöglichkeit, d.h. die verfügbaren, in Deutschland zugelassenen Medikamente haben bei Ihnen keine Wirksamkeit oder können bei Ihnen wegen Verträglichkeitsproblemen nicht eingesetzt werden. Oder kamen nie in Frage, weil sie Kontraindikationen zum Beispiel aufweisen und damit für Sie diese Medikamente nicht in Frage kommen, dann dürfen sie heute von Ihrem Arzt Cannabis als Medizin verordnet bekommen. Und dann muss eigentlich auch die Krankenkasse die Kosten übernehmen, wenn Sie das im Rahmen eines Genehmigungsprozesses vor der ersten Verordnung beantragt haben.

 

Nina Ruge:

Ach, das ist ein bisschen aufwändig. Da muss der Arzt richtig überzeugt sein, dass das richtige Präparat für seine Patienten ist.

 

Doktor Überall:

Absolut. Es ist anders als bei anderen Medikamenten, wo der Arzt sein Rezept ausfüllt, der Patient in die Apotheke geht und dann bekommt er seinen Wirkstoff. Er muss vorher, und zwar in der Regel bei den gesetzlichen, als auch bei den privat versicherten Patienten die Kosten Übernahme geklärt werden und dann kann es erfolgen. Der Antrag muss von dem Patienten erstellt werden. Er muss aber vom Arzt ausgefüllt werden. Der Patient ist Kunde der Krankenkasse, der Arzt ist sein Partner in dem Fall. Sie haben richtig gesagt, es ist eine Partnerschaft.  Eine partnerschaftliche Beziehung ist notwendig, um die Begründung in dem Antrag richtig und Ideal zu formulieren.

 

Nina Ruge:

Und kann der Patient noch etwas tun, in Richtung Krankenkasse, um seinen Wunsch noch zu unterstützen?

 

Dr. Michael Überall:

Absolut. Ich denke es ist entscheidend, dass Arzt, Krankenkasse und Patient partnerschaftlich auftreten. Und da der Patient mit seiner Klasse im Gespräch steht, sollte er dieses Gespräch auch nutzen und nicht nur formal Anträge schicken und Erwiderungen schreiben, sondern mit dem Sachbearbeiter das Gespräch suchen, im Idealfall schon über das Telefon, das mündliche Gespräch, um viele Hürden, viele Verständnisprobleme auszuräumen, um die Verordnung zu erleichtern.

 

Nina Ruge:

Und wie viel Prozent der Anträge positiv beschieden?

 

Dr. Michael Überall:

Wenn wir die vergangenen Monate betrachten, können wir bei den Daumen sagen, dass über die Hälfte der Anträge positiv beschieden werden. Häufig aber erst nach einer anfänglichen Ablehnung, daher mein dringender Rat, hier das Gespräch zu suchen, um schon mit dem ersten Antrag die bestmöglichen Ergebnisse im Vorfeld zu bekommen.

 

Nina Ruge:

Schauen wir mal an, was diejenigen, die keine Verordnung bekommen,  dann wieder meistens einnehmen. Das sind ja die gängigen Schmerzmittel, wenn es eben um Schmerztherapie geht. In Tablettenform, da sind ja auch die ein oder anderen Nebenwirkungen zu befürchten. Darüber sprechen wir gleich, Herr Doktor Überall.

Nina Ruge:

Medizinisches Cannabis. Unser Thema bei uns in der „Gesunden Stunde“ bei Klassik Radio. Mit dem Experten Doktor Überall, Vorsitzender der deutschen Schmerzliga. Wir hatten ja eben von Ihnen erfahren, Herr Doktor Überall, wie gut Cannabis-Medizin vor allem bei Schmerzpatienten wirken kann. Das aber längst nicht jeder Schmerz-Patient Cannabis verschrieben bekommt. Aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen. Lassen Sie uns doch jetzt einmal auf die gängigen, die frei erhältlichen Schmerzmittel schauen. Und deren Dauer-Gebrauch dürfte alles andere als frei von Nebenwirkungen sein, oder?

 

Dr. Michael Überall:

Ja, in der Tat Frau Ruge, da legen Sie den Finger in die wunde Stelle des Tages. Sozusagen.

In der Tat hat man das Gefühl, wenn man die aktuelle Situation mit Cannabis betrachtet, dass man vor allen Dingen vor dem Hintergrund der hier in Deutschland frei käuflich erwerbbaren Medikamente die Sicherheitsbewertung mit zweierlei Maß gemessen wird. Auf der einen Seite haben wir Medikamente, die ich heute als Patient, als Betroffener, ohne Rezept in der Apotheke kaufen kann, die bei überschaubarer, in ausreichender Menge und über ausreichend lange Zeit genommen zu schwerwiegenden und unter Umständen tödlichen Organschäden führen können.

 

Nina Ruge:

Sie meinen wirklich die Schmerzpillen, die ich in der Apotheke kaufen kann?

 

Dr. Michael Überall:

Ohne, dass sie ein Rezept dafür benötigen.

In der Tat!

 

Nina Ruge:

Und auf Dauer können die tödlich sein.

 

Dr. Michael Überall:

Auf Dauer, wenn sie Sie in der richtigen Dosis nehmen, können Sie das an einem Tag auch erledigen. Aber, das Problem ist, dass wir auf der anderen Seite mit Cannabis ein Medikament haben, wo so etwas noch nie beobachtet wurde. Weltweit gibt es keinen einzigen dokumentierten Todesfall, der in der Anwendung von Cannabis als Medizin resultiert, die Nebenwirkungen, die wir diskutiert haben, sind keine Organschäden, sondern sie bilden sich zurück, wenn ich den Wirkstoff adjustiere. Wenn ich die Dosis reduziere. Wenn ich mich dann körpermäßig dran gewöhnt habe, so dass ich dann hier einen großen Unterschied im Sicherheitsprofil der beiden Wirkstoffe habe. Bei Cannabis sehr gut, sehr sicher, sehr gut verträglich. Die anderen Medikamente bei überschaubarer Wirkung durch aus nebenwirkungträchtig und vielleicht sogar lebensgefährlich.

 

Nina Ruge:

Und das positive an Cannabispräparaten ist ja, dass sie ein körpereigenes Cannabinoides System unterstützen.  Und das ist aber gleichzeitig, so habe ich gelernt, die Ursache dafür, dass es diese randomisierten Studien noch nicht gibt, die eindeutig diesen Effekt beweisen. Und das ist die Crux, weshalb wir Cannabispräparat bis heute nicht so frei kaufen können, wie zum Beispiel in der Apotheke wie anderes.

 

Dr. Michael Überall:

Das ist ganz genau der Punkt. Dadurch, dass es über dieses körpereigene System, dass ist auch noch stimulierend und anregend wirkt, so dass wir in Studien, die wir normalerweise zum Wirksamkeits-Nachweis fordern, Schwierigkeiten haben, diesen Effekt nachzuweisen. Weil in den jeweiligen Schein-Behandlungsgruppen, wo also normalerweise gar kein Wirkstoff verabreicht wird, die Patienten aufgrund ihrer Erwartungshaltung das körpereigene Cannabinoidsystem stimulieren und damit auch keine aktive Vergleichsgruppe darstellen.

Und zwischen dem äußerlich zugeführten Cannabis im Vergleich mit dem körpereigen gebildeten Cannabis gar kein richtiger Wirksamkeitsunterschied mehr sehen. Und das ist eine Crux, die man verstehen kann, wenn man weiß wie Cannabis wirkt, wenn man Studiendesigns analysiert. Wenn aber Menschen davon keine Ahnung haben, die nur auf die nüchternen Fakten und Zahlen blicken, schwierig machen, den Wirksamkeitsnachweis wissenschaftlich hochwertig zu akzeptieren.

 

Nina Ruge:

Wird er noch mal kommen? Der Wirksamkeitsnachweis?

 

Dr. Michael Überall:

Das hoffe ich ganz stark. Ich hoffe also, dass die Hersteller, die momentan Cannabis als Medizin auf den Markt bringen, nicht die Möglichkeit, die sich jetzt durch das neue Gesetz ergeben haben, nutzen, um ihre Forschungsaktivitäten einzustellen, sondern ganz im Gegenteil, dass sie mehr Forschung machen, Damit wir irgendwann vielleicht auch in die normale Verordnungsfähigkeit von Cannabis, wie ein normales Kopfschmerzmittel , Medikament auf Rezept auch kommen, denn das würde uns den gesamten Verwaltungsaufwand, der ja durchaus beträchtlich ist, ersparen.

 

Nina Ruge:

Also, ich fasse jetzt mal zusammen Herr Doktor Überall. Medizinisches Cannabis ist wirksam, sagen Sie mir wenn ich daneben liege...

 

Doktor Michael Überall:

Absolut

 

Nina Ruge:

Hat insbesondere im Vergleich zu vielen anderen Arzneimitteln geringe Nebenwirkungen und es definitiv dann eine Alternative bei schwerwiegenden Erkrankungen, wenn die üblichen Behandlungsformen versagt haben. Oder nicht vertragen werden.

 

Dr. Michael Überall:

Besser hätte ich es nicht formulieren können.

 

Nina Ruge:

Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Doktor Überall, Sie haben uns in das weite Feld von Wirkung und Einsatzmöglichkeiten der uralten Heilpflanze Cannabis hoch kompetent eingeführt.

Danke sehr.

 

Dr. Michael Überall:

Vielen Dank Frau Ruge.

 

Nina Ruge:

Und für ihre ganz persönlichen Fragen, liebe Klassik Radio Hörer, haben wir gleich im Anschluss an diese Sendung eine Hotline freigeschaltet. Hier ist die Tel.-Nr. 0 800 66555 80 oder auch 0800 66 555 80 (48 Stunden nach der Sendung erreichbar). Am besten Sie wählen sich kostenfrei vom Festnetz ein. Per Handy könnten eventuell Mehrkosten anfallen. Etliche ihrer Fragen werden wir in den kommenden Sendungen beantworten. Übrigens, auch auf der Homepage von Klassik Radio finden Sie weitere Informationen zu Cannabis Medizin, unserem Thema heute in der Gesunden Stunde.

Ja und bis zu den Nachrichten um 18:00 Uhr lassen Sie sich weiter verwöhnen von klassischer Musik, Meine lieben Zuhörer. Ich verabschiede mich, einen wunderbaren Samstagabend wünsche ich Ihnen. Bleiben Sie gesund, Ihre Nina Ruge.

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