Annette Schnaitter

Nantesbuch: Der Verstand bildet sich über das Herz und die Sinne, durch Kunst und Natur

Werte

Die Stiftung „Nantesbuch“ ermöglicht die Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst und Natur in unmittelbarem Kontakt mit einer außergewöhnlichen Landschaft. Unberührt, voller Fülle und inspirierend. RADIO 39 hat diesen Ort für Sie besucht.

Nantesbuch: Der Verstand bildet sich über das Herz und die Sinne, durch Kunst und Natur

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Es ist 11.03 Uhr am Samstag, den 24. Juni 2017. Ein Heuwagen fährt mit Tempo 15 vor mir her und zwingt mich zur Entschleunigung. Noch 2,1 Kilometer bis zur Abzweigung „Nantesbuch“ in der Nähe von Bad Tölz, sagt mir mein Navigationssystem. Von dort führt eine Landstraße noch einmal etwa 3000 Meter durch eine Landschaft, die anders ist, als von mir erwartet. Die Region rund um Penzberg ist mir als gebürtiger Starnbergerin bekannt: prächtige Bauernhöfe, aufgeräumte Siedlungen, gut geführte Landwirtschaft in oberbayerischer und wohlhabender Idylle. Die Natur gezähmt und strukturiert. Hier ist es anders: Satt und befreit liegen die Wiesen und Moore rechts und links des Weges. Als ob die Natur Raum hat und nicht wie sonst begrenzt wird.

 

Ich erreiche eine lange Reihe parkender Autos – kaum Münchener Kennzeichen – und stelle mich ganz ans Ende, wohlwissend, dass ich schon zu spät bin, meine Verabredung wartet und ich die ersten Worte der Festrede von Susanne Klatten, der Stifterin von „Nantesbuch“, verpassen werde.

Vor mir auf einem Bergrücken steht ein sehr langes Haus. Es sieht aus wie eine sehr große und sehr schöne und sehr neue Scheune. Um mich herum erscheint alles unaufgeregt und doch gut organisiert, da überall säuberlich beschildert, gekennzeichnet und geführt wird.

Als ich den Hof betrete, begegne ich heiterem Personal in Westen. Tische warten einladend auf die Gäste, ein Ochse am Spieß dreht sich auf dem offenen Feuer und ganz hinten sehe ich Menschen vor dem Tor der „Scheune“ stehen. Viel Tracht, viele Leute aus dem Umland, viele Kinder und Alphornbläser.

Ich bekomme grade noch die Worte des Landrats von Bad-Tölz/Wolfratshausen mit und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Ich höre Stolz und Verbindlichkeit. Bayern ist meine Heimat. Äußerlich mag man das an mir nicht erkennen, aber die Zwischentöne in der Sprache und im Verhalten verstehen ich sehr gut. Hier höre ist kein unterschwelliges Abwehren, was im Dialekt gerne mal in verschiedenen Nuancen vorkommt, sondern Offenheit gegenüber einem Projekt, das besonders ist. Natürlich habe ich die Einladung und das Programmheft gelesen. Sie sind schön und erlesen gestaltet. Begriffen habe ich den Inhalt des Projektes noch nicht. Aber: Ich empfinde etwas. Ich fühle mich hier wohl und frei. Es ist eine unangestrengte Atmosphäre. Das Publikum ist gemischt.

Meist herrscht bei solchen Festakten eine unruhige Stimmung. Programmpunkte sind oft eine Hürde, die die Gäste von der Buffeteröffnung trennt, nach der man wieder gehen kann, nach dem man die Bekannten begrüßt hat. Hier herrscht jedoch eine heitere Gelassenheit. Der Bürgermeister und der Architekt kommen zu Wort, dann wird „Nantesbuch“ von den Pfarrern geweiht. Im zukünftigen Kuhstall gibt es schon jetzt Getränke, Ausgezogene, Kuchen, Kaffee und Rahmfleckerl. Sonntagsstimmung wie aus dem Bilderbuch. Die Alphornbläser stimmen an und die Schwingung der Hörner beruhigt die Sinne. Kinder laufen durch die Gegend. Die Zeit dehnt sich aus und die Menschen verteilen sich wie selbstverständlich auf die Führungen, die Workshops, die Bierbänke und Stühle vor und hinter dem Haus.

Ich bin mit einer Bekannten verabredet und wir kommen ins Gespräch. Wir kennen uns nicht allzu lang und nicht allzu tief, aber wir sind uns sehr sympathisch. Wir beide sind oft unter Zeitdruck. Nicht heute. Denn wir beide haben diesmal keine Folgetermine. Das würde uns nicht hindern, zu gehen. Zu tun gibt es immer genug. Doch wir bleiben. Heute fließt die Zeit; das Gespräch, still, heiter, lebendig, wie ein Bach, der irgendwo am Horizont durch die Wiesen führt. Ein paar Mal halte ich inne und warte auf diesen inneren Taktgeber, der mich normalerweise daran erinnert, was alles noch auf meiner Agenda steht. Nichts treibt mich weiter. Es gibt Momente des Schweigens, des Genießens, des Sprudelns, der Tiefe und der Heiterkeit. Als wir herumgehen, nehmen meine Bekannte und ich wahr, dass dies wohl mit allen geschieht. Bei jedem auf seine Weise.

Saxophon-Spielerinnen ziehen über das Gelände und intonieren an verschiedenen Stellen. Der Ochse ist gar. Eine lange, sehr lange Schlange bildet sich, alle warten geduldig und in entspannter Erwartung. Es werden auch die Kutteln des Ochsen und seine Innereien als Gulasch angeboten – zum Probieren. Nachhaltigkeit. Dank der Sommerhitze spielen Kinder an einem Brunnen. Kleine nackte Putten, die kichernd mit dem Wasser spritzen. Nichts nervt, stört. Im Gegenteil.

Um 14.30 Uhr nehmen wir an der Führung von Frau Dr. Andrea Firmenich, der Geschäftsführerin der Stiftung teil. Sie zeigt uns den Trakt mit den Aufenthaltsräumen, den Seminarräumen, der Küche und den 14 Zimmern für maximal 28 Gäste.

„Nantesbuch“ ist kein Hotel, kein Restaurant oder ein „Veranstaltungsort“, den man mieten kann. Die Stiftung verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke und hat sich zum Ziel gesetzt, das Bewusstsein für den Wert von Kunst und Natur zur schärfen und zu erweitern. Das Gelände und die Bauten sollen ein Ort für die Begegnung sein. Man ist zu Gast, aber auch hier ganz anders als erwartet. Die Atmosphäre vermittelt es auf eine subtile Art. Es gibt eine Küche, in der man gemeinsam kochen kann. Einen sehr langen Tisch, an dem 28 Gäste Platz nehmen können. Niemand wird sich hier mit den Füßen auf dem Stuhl hinlümmeln, um auf dem Smartphone zu spielen. Man käme nicht auf die Idee. Denn die klare Erhabenheit der Räume lenkt die Aufmerksamkeit auf das gemeinsame Erleben und bietet doch Rückzug in die Stille. Denn es gibt diese Momente, in denen man, erfüllt von einer Konversation oder einem Erlebnis, das Bedürfnis hat, sich für eine Weile auf ein Bett zu legen oder in einem Sessel hinter einem Buch zu verbergen und es wirken zu lassen.

Überall stehen große Sträuße mit Wiesenblumen. Das Ambiente ist erlesen-schlicht, die Materialien sind helle einheimische Hölzer, Estrich und Stein. Das Mobiliar modern und zurückhaltend, reduziert auf das Wesentliche. Der offene Dachstuhl mit den Dachfenstern bringt Licht ins Haus. Die großen Seitenfenster öffnen den Blick auf das weite Land. Das 130 Meter lange Haus liegt auf dem Bergrücken, man kann von jedem Standpunkt um das Haus und von allen Toren, Fenstern und Türen aus bis zum Horizont über Nadelwälder, Wiesen, Moore bis zu den Bergen und im Norden bis zum Horizont sehen. Wann und wo habe ich zuletzt so einen freien Blick erlebt?

Obwohl das Haus offen und monolithisch daliegt, fühlt man sich doch durch die Architektur beschützt. Mit viel Feingefühl stehen die vertikalen Balken vor den Seitenfenstern genau so weit entfernt, dass kein Gefühl des Eingesperrt seins aufkommt, und genau so eng, dass es sich in den großzügigen Räumen anfühlt, wie in einem Refugium. Wie ein Baumhaus aus Kinderzeiten, so meine Assoziation.

Die Räume lassen frei atmen und die Kunst aus der umfangreichen Sammlung von Susanne Klatten wirken, die hier eine Heimat finden soll: Markus Lüpertz, Michael Beutler, Kaarina Kaikkonen und viele andere. Der Eindruck ist wieder unprätentiös, ohne die Bedeutsamkeit der Werke zu minimieren. In der Bibliothek steht ein Flügel, ein langer, großer Kamin dient als Raumtrenner, der Wärme und Nähe schafft. Ich sehe meine Bekannte an und sage ihr nach der Führung: „Ich bin beseelt von diesem Ort. Ich habe das nicht erwartet.“ Es geht ihr nicht anders.

Wir ziehen uns vor das Haus zurück, mit dem Blick nach Norden in Richtung Fünf-Seen-Land. Wie nehmen uns zwei Stühle und genießen den Blick. Ich kenne meine Heimat, und so sehr ich die Landschaft liebe und so sehr mir bewusst ist, dass Bewirtschaftung und prosperierende Wirtschaft seinen Preis fordern, so sehr vermisse ich in der Region native Natur. Hier breitet sie sich vor mir aus, wie mit einer 360-Grad-Kamera aufgenommen. Ich bekomme Lust, durch diese Auen zu wandern. Sie liegen vor mir, als hätte sie seit Jahrhunderten kein Mensch betreten. Die Bäume, die Gräser, die ganze Vegetation sieht satt und voller Fülle aus. Ein archaisches Bild, das vermittelt, dass die Natur für uns alle genug bereithält, um uns zu nähren.

Um 22.00 Uhr wird ein Meter hoher Holzhaufen als Johannis-Feuer angezündet, um das sich alle Gäste versammeln können, nach dem sie kontemplative Gesänge und eine Lesung im großen Versammlungsraum in der Abenddämmerung genossen haben.

Alles spricht eine Erinnerung an, die sich langsam erhebt, so wie sich der Abendnebel über das sommerwarme Moor senkt. Einklang mit der Natur. Die menschliche Sehnsucht danach. Die Lebensenergie, die daraus entspringt.

Und genau das ist das Konzept. Ich habe es verstanden, indem ich es erlebt habe.

Im Programmheft schreiben die beiden Geschäftsführer Dr. Andrea Firmenich und Dr. Konstantin Reetz, dass sie seit dem Entstehen der Idee immer wieder gefragt wurden, „Was macht ihr da eigentlich in ‚Nantesbuch‘?“. Sie konnten diese Frage lange nicht beantworten, weil die Idee zu abstrakt und zu umfassend war, um sie in wenige Worte zu fassen. Als ich vor meinem Besuch davon las, rauschte diese Aussage an mir vorbei, noch verbanden mich keine Emotion mit dem Projekt.

Während ich an der „Daphne“, der Skulptur von Lüpertz vorbei zu meinem Auto gehe, denke ich an die Worte von Andrea Firmenich, die zu mir wiederholte, was Susanne Klatten zuvor in ihrer Rede gesagt hatte. „Wir gehen das ganz langsam an, wir haben große Erwartungen, aber wer Erwartungen hat, muss auch warten können.“ Während der Rückfahrt nach München lasse ich diesen stillen Tag voller Eindrücke auf mich wirken. Ich bin erfüllt von dieser zurückhaltenden Achtsamkeit, mit der dieser Tag und dieses ganze Projekt gestaltet wurden. „Es ist eine Stimmung wie bei einem besonders schönen Familienfest, nur dass es keine Familie ist“ – darin waren meine Bekannte und ich uns einig.

Wie das bei Familienfeiern und in Familien so ist: Nur, wenn das Feingefüge und die Zuneigung und die Achtsamkeit stimmen, können auch die Atmosphäre und das Miteinander so heiter, fröhlich und unangestrengt sein. Dann entsteht der Wunsch aus dem Herzen wiederzukommen, um sich und anderen in der Natur, der Kunst und der Literatur zu begegnen.

http://stiftung-nantesbuch.de/

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