Barbara Strohschein

„Weh dem, der keine Heimat hat“

MItgefühl

Vereinsamt

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n —
Wohl dem‚ der jetzt noch — Heimat hat!

„Weh dem, der keine Heimat hat“

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MItgefühl

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Nun stehst du starr‚ Schaust rückwärts ach! wie lange schon! Was bist du Narr Vor Winters in die Welt — entflohn?

 

 

 

Nicht etwa ein Dichter verfasste dieses melancholische Gedicht. Es war der heimatlose Philosoph Friedrich Nietzsche. Geboren in Röcken, einem Dorf in Sachsen-Anhalt, das er schon als Schuljunge verließ, war er sein Leben lang auf der Suche nach einer Heimat. So sollte der Ort seiner Wahl sein: Warm, sonnig, mit klarem Himmel, mit freundlichen Menschen, die ihn in Ruhe ließen. Nietzsche war ein Reisender - sein Leben lang. Nicht etwa, weil er vertrieben wurde. Der Aufbruch wurde ihm zu einer seelischen Notwendigkeit. Vom Internat in Schulpforta ging er zum Studium nach Bonn. Von dort siedelte um er an die Universität in Leipzig. Von Leipzig aus wurde er als blutjunger Professor nach Basel berufen. Von Basel floh er, nach Beendigung seiner Professur aus gesundheitlichen Gründen, ins Engadin. Dann suchte er in Frankreich nach einem geeigneten Ort, hielt sich in Italien, vor allem in Turin auf - immer auf der Flucht vor als ungünstig empfundenen Bedingungen. Bis er schließlich - nach langen Jahren der geistigen Umnachtung - in Weimar starb. Nietzsche kehrte auf seiner Suche nach einer Heimat nicht etwa an den Ort seiner Kindheit zurück. Hier war jemand am Werk, der Heimat mit diesem Ort nicht gleichsetzte. Dabei wird Heimat oft genau damit identifiziert. Die Familie als ein Aspekt von Heimat, spielte jedoch für den vaterlosen Nietzsche keine Rolle. Mutter und Schwester waren mehr eine seelische Bedrohung für ihn als ein Hort der Geborgenheit.

Freiheit war das Wort, das Nietzsche mit Heimat verband. Das hieß für ihn, frei entscheiden zu können, wann er einen Ort verlassen wollte. Doch diese Freiheit hatte einen großen Preis: Einsamkeit und die Not der Anpassung. Immer wieder neu anfangen. Sich immer wieder neu eingewöhnen. Immer wieder die Frage: Bin ich hier richtig? Kann und soll ich hierbleiben? Dem Freiheitswunsch steht die Sehnsucht nach Heimat gegenüber. Von dieser Sehnsucht spricht eben dieses Gedicht. Und in diesen existenztrauernden Zeilen spiegelt sich das wider, was fehlt, um sich in der Welt aufgehoben zu erleben: Das Gefühl der Zugehörigkeit.

 

 

Die Welt — ein Tor Zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor‚ Was du verlorst‚ macht nirgends Halt…

 

 

Es geht bei der Frage nach Heimat um weit mehr, als nur um einen geographischen Ort. Es geht um den tiefen Wunsch nach Vertrautheit. Vertrautheit schafft innere Sicherheit, Orientierung und Stabilität. Vertrautheit und Unvertrautheit vermitteln sich nicht nur seelisch, sondern auch sinnlich: An einem neuen Ort wird der Fremde mit ungewohnten Gerüchen, Regeln, Lebensweisen, Eindrücken, fremden Menschen, unbekannten Straßen und Wegen, kurzum - einer fremden Kultur konfrontiert. Heimat ist nicht überall. Oder etwa doch? Für das Wort „Heimat“ gibt es zumindest keinen Plural.

 

Die Vielschichtigkeit dessen, was Heimat ist

Heimat hat - wie an Nietzsches Lebensgeschichte zu sehen ist - vier Facetten.

  • Heimat als Ort der Familie
  • Heimat als verlorener Ort
  • Heimat als Fluchtort
  • Heimat als selbstbestimmter Gestaltungsort.

Ich denke, jeder Mensch kennt diese Aspekte und die widersprüchlichen Gefühle, die Heimat auslösen. Und so werde ich bei meinen weiteren Überlegungen diesen vier Facetten von Heimat nachgehen:

  • Heimat als Ort der Familie

Vielleicht kennen Sie das seltsame Gefühl, wenn Sie nach Jahren an den Ort Ihrer Kindheit zurückkehren. Obgleich - im besten Fall - alles so geblieben ist, wie es einst war, hat sich der Blick verändert. Ich weiß es nur zu gut von mir selbst. Als meine Großeltern längst aus ihrem Haus ausgezogen waren, lief ich einmal wieder durch die Straße zu dem Haus, in dem ich die ersten Jahre meiner Kindheit verbracht hatte. So groß und prächtig es mir als Kind vorgekommen war, so überschaubar erschien es mir nun als Erwachsene. Die sinnlichen Eindrücke und die damit verbundenen Gefühle schufen in diesem Moment der Wiederbegegnung die Brücke zwischen dem Heute und dem Einstmals: Die Erinnerung an den Duft des dezenten Rosenwassers, das mein Großvater benutzte. An seine angenehme Stimme, mit der er mir Geschichten erzählte. An die durchdringenden Augen meiner Großmutter, die Herrenkostüme trug, lebhaft erzählen konnte und die Literatur liebte. An ihre Bibliothek, in der es nach geheimnisvollen Büchern roch und in der ich herumstöbern durfte. An die japanischen Kirschbäume im Garten, deren Blüten wie rosafarbene Ballettröckchen aussahen. An die knarrenden Treppen, die im Flur aufwärts zu den vier Schlafzimmern führten. Ein süßes Gefühl war mit diesen Erinnerungen an die Kindertage verknüpft. Hier war der Ort, an dem ich mich als Kind geborgen und glücklich fühlte - und der unwiederbringlich verloren war. Dieses Wiedersehen war so kostbar wie nutzlos zugleich. Kostbar, weil diese Kindheitserfahrung einen Grundstein gelegt hatte für das Empfinden, was Heimat ist; nutzlos, weil ich den Verlust durch die Erinnerung allein nicht aufheben konnte. Dieses Eintauchen in die vergangenen heiteren Tage stehen im krassen Gegensatz zu den leidvollen Erfahrungen, die die vielen Umzüge meiner Eltern für uns Kinder mit sich brachten. Denn da geschah genau das Gegenteil: ich fühlte mich an den neuen Orten fremd. Ich wurde kritisch beäugt als die „Neue“, die anders war. Ich hatte keinerlei spontane Neigung, mich auf unbekannten Menschen einzulassen. Ich hatte Heimweh nach einem Ort, den es nicht gab: Ein festes, unverrückbares Elternhaus. Denn das ist zweifellos noch etwas anderes als „Familie“.

 

 

Die Welt — ein Tor Zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor‚ Was du verlorst‚ macht nirgends Halt…

 

 

Merkwürdig ist, dass das Gefühl von Heimatlichkeit selbst dann aufkommen kann, wenn Kinder den Heimatort der Eltern nur sehr kurz oder gar nicht erlebt haben, oder wenn er sogar zerstört wurde. Dies haben die Kinder erlebt, die mit ihren Müttern aus den Ostgebieten vertrieben wurden, während die Väter im Krieg waren. Wenn diese kurz vor Kriegsende Geborenen die Heimatorte ihrer Eltern aufsuchen, überkommt sie Heimweh und ein Heimatgefühl, das gar nicht unbedingt immer an eine faktische Erinnerung anknüpft. Die Begegnung mit der verlorenen, sprich: nie gehabten Heimat, ist sehr oft mit Verlust-Schmerzen verbunden, mit aufgewühlten Gefühlen und starker Berührung. Diese Erfahrungen werden in gut geführten Familienaufstellungen oft heilsam reaktualisiert.

Die Sehnsucht nach Verankerung scheint so grundlegend menschlich, dass vermutlich niemand davon nicht betroffen ist. Aus einem erklärlichen Grund: Damit wir uns in der Welt zurechtfinden und orientieren können, brauchen wir - vor allem in der Kindheit - eine stabile Umgebung, die uns nicht dauernd mit Veränderungen, Brüchen und Zensuren überfordert. Das Fremde schlechthin hat zunächst immer etwas Bedrohliches, weil nicht übersichtlich und klar ist, worum es geht und wie was und wer „tickt“ und läuft. Dieses Gefühl der Unsicherheit beeinträchtigt gravierend das Selbstwertgefühl, das sich dann so anhört: „Ich habe keine Ahnung, was hier los ist und weiß nicht, was ich hier tun soll und wer ich eigentlich bin.“

Die Nomaden und die herumziehenden Jäger und Sammler aus der Urzeit können wir nicht befragen, wie sie mit dem notwendigen Ortswechsel zurechtkommen. War und wurde die Natur dann Heimat oder die Welt an sich?

  • Heimat als verlorener Ort

Weder Nietzsche noch die Elite der Global Player wurden und werden zu häufigen Ortswechseln gezwungen. Sie haben sich selbst entschieden. Das macht die Eingewöhnung in die Fremde zwar einerseits nicht unbedingt leichter. Aber andererseits beeinträchtigt diese Selbstentscheidung das Selbstwertgefühl nicht so gravierend. Es gibt Studien über die Desorientierung, die diejenigen erleben, die umziehen - in eine andere Stadt, in ein anderes Land, in einen anderen Kontinent. Diese Desorientierung kann sogar zu Depressionen führen. All diese unleugbaren Tatsachen werden aber übersehen und überhört im Ruf nach der „flexiblen Gesellschaft“, in der Mobilität alles gilt. Davon spricht sehr feinfühlig der amerikanische Soziologe Richard Sennet in seinem Buch „Der flexible Mensch“. Wie gehen Diplomaten mit den häufigen Ortswechseln um? Was bedeutet Heimat für sie? Die Manager-Elite und die Super-Reichen, die von weltweit von City zu City jetten: Haben sie irgendwann einmal das Bedürfnis nach einem festen Standort? Und das wäre eine interessante Frage - mit politischer und ökonomischer Relevanz: Wie finden Menschen ohne Standort einen Standpunkt?

Wer dazu gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen, hat es weit schwerer, sich mit Ortswechseln abzufinden. Das war und ist der Fall bei den vielen Menschen, die heute und früher, z. B. im 20.Jahrhundert, aus ihrer Heimat wegen politischer und ökonomischer Gründen fliehen mussten. Das 20. Jahrhundert war ein Fluchtjahrhundert per se, durch zwei Weltkriege und durch die Diktaturen unter Hitler und Stalin. Dabei verloren Männer und Frauen nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihren Beruf, ihr Ansehen, ihr Geld, ihre Häuser, Hab und Gut, ihre Freunde - kurzum: bis auf ihr Leben - alles. Flucht bedeutet Identitätsverlust. In Europa angesehene Intellektuelle, Künstler, Geschäftsleute, Politiker waren im Ausland plötzlich niemand mehr. Männer und Frauen aus der geistigen und kulturellen Elite, fungierten in den USA als untergeordnete Hilfskräfte, gingen als Versicherungsvertreter von Tür zu Tür, arbeiteten als Taxifahrer.

 

 

Die Krähen schrei’n Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnei’n‚ Weh dem‚ der keine Heimat hat!

 

 

Heute, wo ebenfalls viele Millionen von Menschen aus den Kriegsgebieten in die, vor allem über die digitale Systeme so angepriesenen, westlichen Länder fliehen, wird dies leicht vergessen.

Heimatlos zu sein, bedeutet, ein „Niemand“ zu werden. So hat es im Übrigen der jüdische, in die USA emigrierte Philosoph Ernst Bloch für sich selbst ironisch bezeichnet: „I am Mister Nobody“. Warum sollten sich ein syrischer Intellektueller oder eine afghanische Familie vom Land hier und heute eigentlich anders fühlen - als Nobodies? Da halfen und helfen Flüchtlingsorganisationen nur sehr bedingt. Denn mit der Erstversorgung und den Notunterkünften ist es in der Regel nicht getan.

Um in der Fremde anerkannt zu werden, benötigen die Geflüchteten nicht nur eine Aufenthaltserlaubnis, ein Visum oder einen Pass, eine Unterkunft und etwas zu essen. Sie brauchen sinnvolle Arbeit, eine menschenwürdige Wohnstätte, das Interesse der Bevölkerung des Landes, in dem sie untergekommen sind. Anerkennung heißt hier nicht etwa, Lob zu verteilen, sondern den Fremden in seiner Andersartigkeit aufzunehmen und wahrzunehmen.

Dieses Problem verschärft sich angesichts der Tatsache, dass der Kulturschock auf beiden Seiten - Flüchtlinge und Bürger des Einwandererlandes - heute weitaus größer ist als damals. So krass waren die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Europa letztlich nicht. Ganz im Gegensatz zu den massiven kulturellen Differenzen zwischen den arabisch-islamisch geprägten Ländern und den christlich-westlich geprägten Ländern: Alles ist hier anders: die Religion, die Geschlechterbeziehungen, die familiären Prägungen, die Alltagskultur, die Werte, die Gefühlswelten, die Einstellung zu demokratischen Werte wie Freiheit und Gleichberechtigung usw. Das allerorts vorhandene Verfügen über ein Smartphone und der Umgang mit digitalen Systemen ändert an diesen gravierenden Differenzen nichts.

So kocht der Verlust von Heimat zu einer hochbrisanten Problematik hoch: der geflüchtete Mensch ist per se entwertet. Nicht etwa, weil diese Entwertung gewollt wird, sondern weil allein die äußeren Bedingungen schon an sich einen solchen Menschen entwerten: als einen Mittellosen, Bittsteller und Machtlosen. Denn welche Macht hat ein Fremde ohne Heimat?

Zu diesem Ohnmachts-Problem kommen die oft unterschätzten Auswirkungen traumatischer Erfahrungen von Flüchtlingen aus Krisen- und Kriegsgebieten: Eine sehr schwierige Voraussetzung für einen Neubeginn in der Fremde. Durch den Verlust der Heimat ist das komplett in Frage gestellt, was ein Mensch für die Aufrechterhaltung seines Selbstwertgefühls braucht: Orientierung, Respekt, Vertrautheit, Verständnis und Verstehen. So wundert es nicht, dass durch den Wegfall oder zumindest durch die Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls ein Geflüchteter geschwächt, irritiert, aggressiv, verzweifelt oder stumm wird.

Es wundert auch nicht, dass Flüchtlinge sich - im ärgsten Fall - auf eine Weise selbst behaupten wollen, die ihren Gastgebern unangenehm, unangemessen und inakzeptabel erscheinen: wie übertriebene Forderungen stellen, wie die kulturellen Regeln des Gastlandes nicht zur Kenntnis nehmen, wie Übergriffe auf Frauen vorzunehmen, wie gewalttätig zu werden.

Der Verlust der Heimat vonseiten der Geflohenen führt zur Gefährdung der Heimat derjenigen, die unfreiwillig zu Gastgebern geworden sind. Diese wehren sich dann gegen die unliebsamen Eindringlinge und sehen ihre Existenz bedroht - was an der Pegida-Bewegung und der Wählerschaft der AfD unverkennbar ist.

Der Verlust der Heimat wird in seiner Wirkung als seelisch-politischer Faktor weit unterschätzt. Es käme darauf an, die Flüchtlingsproblematik psychisch und existentiell zu begreifen, statt nur unter dem Aspekt der Verwaltung und Nutzbarmachung potenzieller Arbeitskräften. Einerseits ist es zweifellos eine große Chance für den Geflüchteten, durch Arbeit oder eine Ausbildung mit der Kultur des Landes vertraut zu werden. Andererseits ist es problematisch, jeden Flüchtling unter dem Aspekt seiner „Verwendbarkeit“ zu sehen. In der typisch westlich-kapitalistische Art, alles und jeden zu benutzen und zu verwenden, werden die Möglichkeiten des interkulturellen Lernens nicht hinreichend gesehen und wahrgenommen. Dieser interkulturelle Lernprozess auf beiden Seiten wäre langfristig aber ein Weg aus dem Flüchtlingsdilemma und aus den ungelösten Globalisierungskonflikten.

 

 

„Warum soll ich nicht beim Gehen“, sprach er, „in die Ferne sehen? Schön ist es auch anderswo. Und hier bin ich sowieso.“

 

 

  • Heimat als Fluchtort

„Warum soll ich nicht beim Gehen“, sprach er, „in die Ferne sehen? Schön ist es auch anderswo. Und hier bin ich sowieso.“ Über diesen Satz des Mister Pief von Wilhelm Busch haben einst die beiden Philosophen Theodor W. Adorno und Ernst Bloch ein amüsantes Gespräch geführt. Mit der berechtigen Frage: Kommen wir weiter, wenn wir immer zuhause bleiben? Aber fallen wir - vor lauter Lust, in die Ferne zu sehen (wie Mister Pief), dann nicht in den nächsten Tümpel, weil wir nicht mehr im Moment genau hingucken?

Manchem jungen Menschen wird es zu Hause irgendwann zu eng. Fernweh und Abenteuerlust sind die Namen dafür. In solchen Fällen ist die Heimat kein Hort der Geborgenheit, sondern ein Ort, an dem man zu ersticken droht. Das bekannte Motto lautet: „Nichts wie weg.“ Dieses Wegwollen hat etwas Natürliches an sich, wenn man so will: Vögel werden ja auch irgendwann flügge.

Doch bei den Menschen geht es um mehr als das: Die Regeln, die Muster, der familiäre Umgang werden als Last empfunden, die es abzuschütteln gilt. Zuhause zu bleiben, verspricht kein inneres Wachstum. Und ohne dass dies den jugendlichen Stürmern unbedingt bewusst sein muss, ist daran etwas vollkommen richtig Wahrgenommenes: Um eine eigene Identität zu finden, ist es wichtig, das Althergebrachte zu hinterfragen. Nicht nur nachahmen und sich an die elterlichen Wünsche anpassen! Das bedeutet Aufbruch, Abschied und Infragestellung - ein wichtiger Akt, um erwachsen zu werden.

Die Tradition, in der die erwachsen gewordenen Kinder in der Stadt, in der Familie bleiben und die Firmen ihrer Väter übernehmen, kam vor allem in der Nachkriegszeit ins Wanken.

Die Väter waren im Krieg oder in der Gefangenschaft geblieben. Kaum eine Familie überstand diese Zeit ohne Verluste. Was gab es zu erben als nur eine furchtbare Geschichte? Welchen Grund gab es, in dem sowieso brüchigen Familienleben zu verharren? Ohne Väter oder mit den Schuld beladenen Vätern, mit gestressten Nachkriegsmüttern? Die aus dem Krieg zurückgekommenen Väter waren keine Helden. Nicht nur das war Anlass für die 68Generation, Heimat als nicht erstrebenswert zu empfinden. All das, was Heimat positiv besetzt: Stabilität, Tradition, Familienzusammenhalt, wurde radikal in Frage gestellt. Viele von den 68ern hatten zudem eine große innere Distanz zu Deutschland und dem Deutschsein. Deutschland als Heimat zu haben, beschämte und erfüllte nicht mit Stolz.

Diese 68er Bewegung hatte dabei nicht unbedingt Fernweh und Abenteuerlust im Sinn. Weit eher spielte die Wut über die Enge und der Befreiungswille vom angepassten Nachkriegsspießertum eine Rolle, das sich so erfolgreich mit Wohlstandszuwachs verband. (Diese Übergangsstadien, in denen Heimat unter so viele Facetten erlebt und gedeutet wird, zeigt das Filmepos „Heimat“ von Edgar Reitz.)

Heute gibt es gesellschaftlich zwei sehr gegensätzliches Tendenzen bei jungen Menschen, mit Heimat und Familie umzugehen: die einen streben hinaus in die Welt, teilweise aus unvollständigen Familie kommend. Diese global orientierte Jugend ist nach überall unterwegs, dockt überall an, verständigt sich weltweit. Vielleicht kann man sogar sagen, sie sind unterwegs zuhause.

Die anderen hocken, mindesten bis zum Berufseinstieg, bei Papa und Mama oder nur bei Mama, im Hotel Familie. Hier zuhause wirkt die Welt weit weniger bedrohlich als „draußen“. Heimat wird hier zum Bequemlichkeits- und Schutzort.

Wir sind hier mit Extremen der menschlichen Polarität konfrontiert: einerseits gehört zum Menschsein dazu, sich zu verorten, sich irgendwo zuhause zu fühlen. Andererseits ist es ein menschliches Streben, die Welt zu erobern und zu entdecken. Es ist eigentlich kein Widerspruch, der sich hier auftut, sondern etwas, was zusammengehört und gelebt werden will. Ohne Vertrautheit mit Menschen und Orten entsteht kein Vertrauen. Und ohne Aufbruch verändert sich nichts.

Und so können wir sehen, wie Heimat weit mehr ist, als eine Ortsbeschreibung. Heimat ist ein Dreh-und Angelpunkt für die Frage und deren Beantwortung: Wer will ich sein? Wo will ich hin?

Wer sich diese Frage stellt, wird sensibel für die Wahrnehmung des eigenen Glücks. Denn dies hängt durchaus mit der Frage zusammen. Wo lasse ich mich, im wahrsten Sinn, nieder?

 

 

Wer neu anfängt, hat gut zu tun.

 

 

  • Heimat als selbstbestimmter Gestaltungsort

Nicht nur kommt es darauf an, sich zurechtzufinden, neue Kontakte zu knüpfen, sondern sich im mehrfachen Sinn, neu einzurichten. Natürlich gibt es enorme graduelle Unterschiede: Wer von einem Stadtviertel in ein anderes zieht, hat eine weitaus geringere Aufgabe, sich neu zu orientieren, als jemand, der in einen anderen Kontinent auswandert oder aus Syrien oder Afghanistan Wochen und Monate unterwegs war, um irgendwo in Westeuropa eine neue Heimat zu finden. Davon war schon die Rede. Doch nun: Wie wird der fremde Ort zur Heimat? Um diese weitere Dimension geht es dem Philosoph Ernst Bloch. „In Prinzip Hoffnung“ schreibt er: „Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." (Bloch PH, S. 1628)

Als ich mit diesen Bloch‘schen Gedanken das erste Mal konfrontiert wurde, erschrak ich. In einer Heimat war noch niemand? Ist Heimat ein Ort, den es noch nicht gibt? Jeder Mensch hat doch einmal irgendwann - in der Kindheit - eine Heimat gehabt?

Es kommt Bloch auf weit mehr an, als sich nur an einem Ort heimatlich zu fühlen. Bloch will, dass wir die Erde zu unserer Heimat machen. Doch davon seien wir - so Bloch - weit entfernt. Die Entfremdung ist der bezeichnende Ausdruck für ein Lebensgefühl und die bittere Erfahrung, „nicht bei sich zu sein“. Das heißt konkret, beherrscht zu werden, nicht selbst über sich und seine Heimat entscheiden zu können, ohnmächtig zu sein gegenüber den politischen und ökonomischen Verhältnissen: Nicht nur in der Fremde, sondern genauso in der Welt der Arbeit. Der Mensch entfremdet sich, in dem er nicht nur seine Leistung, sondern sich selbst verkauft - um der bloßen Existenzerhaltung willen. Selbstbestimmt ist ein solcher Mensch nicht. Er verfügt nicht über sich, sondern es wird über ihn - verfügt. Diese Entfremdung wird - existentiell betrachtet - so zu einem Menschheitsproblem, von dem Milliarden von Menschen betroffen sind. Das geschieht, wenn immer mehr Menschen das Recht auf Selbstbestimmung gar nicht wahrnehmen können: weil sie fliehen müssen, weil sie sich verdingen müssen durch Arbeit, die die unter ihren Möglichkeiten liegt, weil sie gar keine Arbeit finden, weil sie keine Heimat mehr haben, weil sie nicht mehr in einer Tradition verwurzelt sind, hin und her gestoßen werden durch die politischen Ereignisse.

All das, was einem Menschen ein Selbstwertgefühl gibt und ihn in die Lage versetzt, sein Leben selbst zu gestalten, fällt weg.

Insofern ist es ein großer Aufruf von Bloch: Schafft Euch die Heimat, die es noch nicht gibt. Er will dazu auffordern, dass die Menschen niemals aufgeben dürfen, darauf zu hoffen, dass diese Zeit kommen wird - durch tätiges Tun, durch Bewusstheit und gezieltes Handeln. Es geht ihm darum, die Bedingungen für ein humanes Leben zu schaffen. Mit dem Recht für jeden Menschen, sich heimisch zu fühlen auf diesem Planeten.

Ist das reinster Optimismus? Eine altmodische Utopie, die mehr als einmal als obsolet abgewertet wurde? Oder haben wir - um angesichts der Weltlage nicht zu verzweifeln - eigentlich gar keine Alternative, als diesen Aufruf zu überdenken und ihn ernst zu nehmen?

Weil immer mehr Menschen auf dieser Erde keine menschenwürdige Heimat mehr haben, ist die Entmutigung fast unendlich. Der neu aufkommende Nationalismus, die Machtgier von diktatorischen Politikern und der Populismus zu Ungunsten des Volkes scheinen immer mehr die Hoffnung auf Gerechtigkeit, Sicherheit und würdiges Leben zunichte zu machen.

Vor allem in Europa fällt immer mehr die Siegesgewissheit in sich zusammen, die viel beschworenen westlichen Werte der Demokratie weltweit noch geltend machen zu können. Außerdem - frage ich als Werte-Philosophin - was sind denn, bitte schön, die westlichen Werte? Überheblichkeit? Gewinnstreben? Perfektion? Leistung als Maßstab für alles? Oder geht es noch um gelebte Nächstenliebe, Respekt, Gerechtigkeit und Frieden? So sehr einerseits diese Werte gelebt werden, so sehr trifft zu, dass die Schattenseiten von vermeintlichen Werten die Sicht verdunkeln.

Dabei wird leicht übersehen, dass es diese „Werte“ in Europa sind, wegen derer Menschen auf Flucht hier Heimat finden wollen, obgleich sie in völlig anderen Traditionen aufgewachsen sind und die Geschichte Europas und die Kämpfe, die es gekostet hat, diese aufgeklärte westliche Gesellschaft mit Wohlstand und Gleichberechtigung hervorzubringen, gar nicht kennen.

Doch es gibt, trotz aller zunehmenden Unsicherheit, was Heimat ist, eine tröstliche Perspektive. Sie kleidet sich ein durch die Worte „Noch nicht“. Das ist das Aufbruchsmotto: Noch ist es nicht so, wie es sein sollte. Aber es ist möglich, dass durch ein weltweit wachsendes Bewusstsein darüber, dass alle Menschen eine Heimat brauchen, um im Leben anzukommen, auch menschenwürdige Heimatorte geschaffen werden könnten. Nicht als eine Tatsache, die vorzufinden, sondern zu kreieren ist.

 

 

Redaktion: Bea Petersen

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