Annette Schnaitter

Der Barmherzigkeits-Burnout!

Barmherzigkeit

Weihnachten kaufe ich mich von Schuldgefühlen frei. 

Der Barmherzigkeits-Burnout!

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Barmherzigkeit

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Weihnachten naht. Der Stresspegel steigt. Die Zeit wird immer knapper, die Vorbereitungen konkurrieren mit den Besuchen auf Weihnachtsmärkten, Weihnachtsfesten, Weihnachtsveranstaltungen, Weihnachtsverkäufen. Und im Briefkasten liegen unzählige Spendenaufrufe der Hilfsorganisationen. Gerade die erste Woche des Dezembers verspricht ein hohes Spendenaufkommen. Kriegsgebiete, Flüchtlinge, Dürrezonen in Afrika, Hurrikangebiete, notleidende Kinder, weltweite Krisenregionen - alle bitten um Unterstützung.

 

Wenige gestehen es sich oder anderen ein. Der Impuls, die Augen zuzumachen , die üppig geschmückte Haustür zu schließen und all das Leid draußen zu lassen, während der Schnee leise rieselt und die Fenster warm und verheißungsvoll leuchten, er ist da.

 

Es ist ein menschlicher Schutzreflex, bei zu viel Leid eine Art Abwehrreaktion zu zeigen. Die Ohnmacht vor der Übermacht der schlimmen Bilder und Informationen lenkt den Blick auf eine weihnachtlich flackernde Kerze, weil häusliche Flammen zu allen Zeiten Schutz vor der Dunkelheit und dem Grauen der Welt außerhalb des Bannkreises versprochen haben.

 

Zu viel. Es ist einfach zu viel. Wo soll man anfangen? Wo aufhören? Wem soll man oder kann man helfen?

 

Je ferner die Regionen sind, in denen das Leid unermesslich ist, desto einfacher lässt es sich ausblenden. Man fährt einfach nicht mehr dahin, wo es schwierig sein könnte und entdeckt die Region oder den Kontinent neu. Eine Fernreise ist nicht mehr automatisch ein Statussymbol.

 

Im Stress der Vorweihnachtszeit ist eine Reaktion die einfachste. Schnell spenden. An irgend eine Organisation. Das kann nicht falsch sein. Aber es ist mit einem Gedanken behaftet, der ein wenig nach Ablasshandel schmeckt, weil er vom schlechten Gewissen begleitet wird. Dem Wunsch, sich frei zu machen, von dem drückenden Gefühl, das man so viel tun müsste und so wenig zu tun vermag.

 

Wofür stehen die Symbole, die wir überall sehen? Die Lichter in der Dunkelheit? Wonach sehnen wir uns, wenn wir unter dem Baum die Geschenke liegen sehen?

Nach Gemeinschaft, Verbundenheit, Wärme, Sinnhaftigkeit, Liebe! Nach all den Werten, die uns über das Individuum hinaus stark machen, wenn wir gemeinsam sind und uns helfen. Und diese Hilfe auch spürbar für uns wird. Nicht, weil wir nur geben, wenn wir bekommen. Das mag oft der Fall sein. Aber für eine Gemeinschaft ist es wichtig, die Wirksamkeit der Unterstützung zu fühlen. So stützt und stabilisiert sich das System von innen heraus.

 

Es erzeugt Verbindllichkeit, gibt Anerkennung und schafft ein Gefühl der Gemeinschaftlichkeit, dass wir heute oft nicht mehr haben.

 

Die Idee der Solidargemeinschaft ist abstrakt geworden. Das Gefühl, nur ein unbedeutsames Teil im Getriebe zu sein, schwächt die Wirksamkeit.

 

Wir wollen ein wirksamer Teil sein. Im globalen Dorf genauso wie in unserem direkten Umfeld. Das kann keine anonyme Gabe in eine virtuelle Welt sein, deren Wirksamkeit mir niemals bekannt werden wird. Wir wollen fühlen, was wir tun. Spüren, ob es gut tut. Dann gibt es auch keinen Barmherzigkeits-Burnout.

 

 

 

 

 

Redaktion: Bea Petersen

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